Nähe und Distanz gibt es nicht nur auf emotionaler Ebene, sondern auch auf körperlicher. Ist es sinnvoll, wenn Helfende Hinterbliebene durch Körperkontakt zu beruhigen oder zu trösten versuchen? Das kann eine Berührung des Unterarms sein, das Drücken einer Hand oder eine leichte Berührung der Schulter.
Es gibt Gründe, die während eines Einsatzes für den Körperkontakt mit einem Hinterbliebenen sprechen. So kommen Studien zu dem Schluss, dass Berührungen als angenehm wahrgenommen werden und negative Emotionen wie akuten Stress reduzieren können (Cruciani et al., 2021). Am wichtigsten sind dabei sogenannte affektive Berührungen. Dabei wird die Haut, beispielsweise die Hand, sanft berührt und mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen leicht gestreichelt – mit einer Geschwindigkeit von etwa 1 bis 10 Zentimetern pro Sekunde (McGlone et al., 2014).
Bei Berührungen, die als angenehm wahrgenommen werden, weiten sich bei einem Menschen die Blutgefäße, die Atmung wird tiefer und die Herzfrequenz sinkt. Unter anderem daher kommt der beruhigende Effekt. Die Wirkung einer solchen Berührung reicht so weit, dass Patienten sogar schneller genesen, wenn sie unmittelbar vor einer Operation von einem Arzt oder einer Ärztin beziehungsweise einer Pflegekraft wertschätzend berührt werden (Schönberger, 2020).
Körperkontakt kann Grenzen überschreiten
Doch es gibt auch Gründe, die klar gegen Körperkontakt mit Hinterbliebenen sprechen. Zum Beispiel gibt es Menschen, die von Fremden einfach nicht berührt werden möchten. Sie empfinden das als übergriffig. Die Helferin oder der Helfer hätte damit eine klare Grenze überschritten, was das Vertrauen schmälern kann. Auch kulturelle und religiöse Prägungen beeinflussen, wie Berührung erlebt wird und ob sie als tröstlich oder als unangemessen wahrgenommen wird.
Auf Menschen mit traumatischen Vorerlebnissen kann eine gut gemeinte Berührung sogar bedrohlich wirken. Stellen wir uns für einen Moment die Situation einer solchen Person vor: Sie hat gerade einen nahen Angehörigen verloren und ist deswegen niedergeschlagen, vielleicht auch verzweifelt. Sie befindet sich mental noch nicht wieder im Gleichgewicht. Genau in dieser vulnerablen Situation kommt ein fremder Mensch und macht genau das, was die betroffene Person vermeiden möchte: Er berührt sie. Körper und Psyche können in diesem Moment überreagieren. Die Situation kann sogar zu einer Dissoziation führen (Stevens et al., 2024). Der oder die Helfende hätte in diesem Fall genau das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich das Ziel war – nämlich zu beruhigen.
Daher ist Körperkontakt – wie vieles im Bereich der Krisenintervention – kein Standardinstrument, sondern ein Angebot, das nur dann hilfreich ist, wenn es gewollt und stimmig ist. Ein Hinweis darauf, dass eine Hinterbliebene offen für Körperkontakt sein könnte, ist, wenn sie selbst Nähe sucht oder eine Helfende berührt. Weicht sie dagegen zurück, wendet ihren Blick ab oder verspannt sich, wenn sich eine Helfende nähert, sind das deutliche Anzeichen, die gegen einen Körperkontakt sprechen.
Berührung darf keine Überraschung sein
Am sinnvollsten ist es häufig, die Hinterbliebene zu fragen, was sie möchte: „Frau Gloß, wäre eine Berührung jetzt hilfreich für Sie?“ oder „Möchten Sie, dass ich Ihre Hand halte?“ Besonders respektvoll ist ein Angebot wie: „Wenn Sie möchten, können Sie meine Hand nehmen.“ Das holt die Hinterbliebene aus einer passiven Rolle heraus und gibt ihr Kontrolle zurück. In diesem Fall nimmt sie die Hand und lässt sie auch wieder los, wenn sie sie nicht mehr möchte. Sie wird aktiv.
Wichtig ist, dass die Berührung für die Hinterbliebene keine Überraschung ist. Außerdem sollten sich Betroffene nicht festgehalten fühlen. Zeigt die Person auch nur minimale Anzeichen von Unwohlsein, sollte die Berührung sofort beendet werden.
Berührungen sind übrigens keine Einbahnstraße. Sollten Helfende nicht bereit dazu sein, einen anderen Menschen zu berühren oder von ihm berührt zu werden, müssen sie das selbstverständlich nicht anbieten und entsprechenden Bitten von Hinterbliebenen nicht nachkommen. Jede Helferin und jeder Helfer steckt die eigenen Grenzen für sich ab – ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Es gibt auch Helferinnen und Helfer, die diese Frage von Fall zu Fall entscheiden. Für sie entscheidet unter anderem die Sympathie, ob sie einen anderen Menschen berühren wollen oder nicht. Manchmal spielt auch die Frage eine Rolle, wie gepflegt die andere Person ist.
Eine Alternative zum Körperkontakt kann eine sogenannte Ko-Regulation ohne Berührung sein, zum Beispiel eine kleine, gemeinsame Atemübung („Atmen wir einmal gemeinsam langsam aus.“). Hilfreich kann es auch sein, dem Betroffenen etwas anzubieten – beispielsweise ein Taschentuch, Wasser oder eine Decke. Dieser „Ersatzkontakt“ kann ebenfalls dazu beitragen, einem anderen Menschen Sicherheit zu vermitteln.