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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Bezie­hung regu­lie­ren – eine Fra­ge von Nähe und Distanz

Der Wunsch nach Nähe oder nach Distanz ist ein wei­te­res Bedürf­nis, das vie­le Hin­ter­blie­be­ne unmit­tel­bar nach einem Todes­fall ver­spü­ren. Bei­des kann neben­ein­an­der bestehen oder sich rasch abwech­seln.

Man­che Hin­ter­blie­be­ne suchen aktiv Kon­takt. Sie spre­chen viel, stel­len Fra­gen, möch­ten nicht allein sein oder reagie­ren erleich­tert dar­auf, dass jemand da ist. Ande­re zie­hen sich zurück, ant­wor­ten nur knapp, wen­den den Blick ab oder wir­ken inner­lich abwe­send. Wie­der ande­re wech­seln zwi­schen die­sen Zustän­den – spre­chen eine Zeit lang und ver­stum­men dann plötz­lich.

Die­se unter­schied­li­chen Reak­tio­nen sind kein Zufall. Sie sind Aus­druck eines inne­ren Regu­la­ti­ons­pro­zes­ses. Nähe kann ent­las­ten, weil sie Halt und Ver­bin­dung ver­mit­telt. Distanz kann eben­so wich­tig sein, weil sie Über­for­de­rung redu­ziert und einen Moment inne­rer Samm­lung ermög­licht. Für Hel­fen­de besteht die Auf­ga­be dar­in, die­se Dyna­mik wahr­zu­neh­men und zu respek­tie­ren.

Rück­zug kann inne­re Belas­tung regu­lie­ren

Wenn Hin­ter­blie­be­ne wenig spre­chen, Fra­gen aus­wei­chen oder signa­li­sie­ren, dass sie gera­de allein sein möch­ten, ist das häu­fig kein Zei­chen man­geln­der Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft, son­dern ein Schutz­me­cha­nis­mus. In einer Situa­ti­on, die emo­tio­nal über­wäl­ti­gend ist, kann Rück­zug hel­fen, die inne­re Belas­tung zu regu­lie­ren.

Eine mög­li­che Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on besteht dar­in, Rück­zug als Ableh­nung von Hil­fe zu ver­ste­hen. Für Hel­fen­de kann es so wir­ken, als bestehe kein Bedarf an Unter­stüt­zung oder als wür­den sie „nicht durch­drin­gen“. In vie­len Fäl­len beschreibt die­ses Ver­hal­ten jedoch kei­nen Man­gel an Bedarf, son­dern ein Über­maß an inne­rer Belas­tung. Der Rück­zug ist dann kein Zei­chen von Des­in­ter­es­se, son­dern ein Ver­such, die Situa­ti­on für einen Moment regu­lier­bar zu hal­ten.

Eine wei­te­re Fehl­an­nah­me besteht dar­in, dass Nähe in die­ser Situa­ti­on grund­sätz­lich hilf­reich sei. Man­che Hel­fen­de reagie­ren auf star­ke Betrof­fen­heit mit dem Impuls, näher her­an­zu­rü­cken, mehr zu spre­chen oder ihre Anteil­nah­me inten­si­ver aus­zu­drü­cken. Für man­che Hin­ter­blie­be­ne kann dies ent­las­tend sein. Für ande­re bedeu­tet es jedoch zusätz­li­chen Reiz in einer ohne­hin hoch belas­te­ten Situa­ti­on.

Nähe anbie­ten statt auf­drän­gen

Nähe wirkt nur dann unter­stüt­zend, wenn sie zur inne­ren Ver­fas­sung der betrof­fe­nen Per­son passt. Ist dies nicht der Fall, kann sie zu Rück­zug oder Abwehr füh­ren. Für Hel­fen­de besteht daher die Auf­ga­be nicht dar­in, mög­lichst viel Nähe her­zu­stel­len, son­dern sie behut­sam anzu­bie­ten und ihre Inten­si­tät immer wie­der an die Reak­ti­on des Gegen­übers anzu­pas­sen.

Eben­so wich­tig ist es, Nähe nicht auf­zu­drän­gen. Gut gemein­te Ver­su­che, ein Gespräch „am Lau­fen zu hal­ten“, kön­nen für Betrof­fe­ne schnell anstren­gend wer­den. Mehr­fa­ches Nach­fra­gen, vor­schnel­les Trös­ten oder ein stän­di­ges Anbie­ten von Gesprä­chen kann den Ein­druck ver­mit­teln, reagie­ren zu müs­sen – obwohl viel­leicht gera­de kein inne­rer Raum dafür vor­han­den ist.

Hel­fen­de bewe­gen sich hier in einem Span­nungs­feld: prä­sent sein, ohne sich auf­zu­drän­gen. Eine offe­ne, ruhi­ge Hal­tung, ein kur­zer Satz wie „Ich bin da, wenn Sie etwas brau­chen“, und die Bereit­schaft, auch Stil­le aus­zu­hal­ten, kön­nen bereits aus­rei­chend sein. Stil­le ist in die­sem Kon­text kein Man­gel an Inter­ven­ti­on, son­dern oft ein schüt­zen­der Raum, den Hin­ter­blie­be­ne in die­sem Moment benö­ti­gen.

Hel­fen­de haben manch­mal den Ein­druck, in Momen­ten der Stil­le nutz­los zu sein oder nichts zu tun. Es ist wich­tig, sich in sol­chen Momen­ten bewusst zu machen, dass die­se Stil­le ein wich­ti­ger Bestand­teil der Unter­stüt­zung ist. Sie gibt dem Hin­ter­blie­be­nen genau das, was er gera­de benö­tigt.

Im Zwei­fel lie­ber fra­gen

Ein wich­ti­ger Ori­en­tie­rungs­punkt für Hel­fen­de sind non­ver­ba­le Signa­le. Hin­ter­blie­be­ne zei­gen häu­fig über Kör­per­hal­tung, Blick­kon­takt oder Bewe­gun­gen, wie viel Nähe sie im Moment zulas­sen kön­nen. Wen­den sie sich ab, ver­schrän­ken die Arme oder ant­wor­ten nur knapp, kann das ein Hin­weis auf ein Bedürf­nis nach Distanz sein. Suchen sie Blick­kon­takt, leh­nen sich vor oder begin­nen von sich aus zu spre­chen, kann das ein Signal für Kon­takt­be­reit­schaft sein.

Die­se Signa­le sind nicht immer ein­deu­tig. Manch­mal ver­schrän­ken Men­schen ihre Arme ein­fach nur des­halb, weil es für sie gera­de die bequems­te Hal­tung ist. Umso wich­ti­ger ist es im Zwei­fel, nach­zu­fra­gen: „Möch­ten Sie gera­de lie­ber einen Moment für sich sein, oder soll ich noch bei Ihnen blei­ben?“ Sol­che Fra­gen geben den Hin­ter­blie­be­nen die Mög­lich­keit, ihre Bedürf­nis­se selbst zu benen­nen, ohne sich recht­fer­ti­gen zu müs­sen.

Beson­ders deut­lich wird das Bedürf­nis nach Distanz manch­mal bereits zu Beginn eines Ein­sat­zes. Es kommt vor, dass Hin­ter­blie­be­ne die Tür öff­nen, die Hel­fen­den anhö­ren und dann sagen: „Vie­len Dank, aber ich brau­che kei­ne Hil­fe“ – und die Tür wie­der schlie­ßen. Sol­che Situa­tio­nen kön­nen für Hel­fen­de zurück­wei­send wir­ken. Sie sind jedoch kein Aus­druck von Undank­bar­keit oder Ableh­nung der Per­son, son­dern oft ein Ver­such, die eige­ne Situa­ti­on zu kon­trol­lie­ren und sich vor wei­te­rer Über­for­de­rung zu schüt­zen.

Wunsch nach Distanz respek­tie­ren

In die­sen Momen­ten ist es wich­tig, den Wunsch nach Distanz zu respek­tie­ren. Hil­fe kann ange­bo­ten, aber nicht erzwun­gen wer­den. Ein kur­zer, wert­schät­zen­der Abschluss­satz („Wenn Sie es sich anders über­le­gen, kön­nen Sie sich jeder­zeit mel­den“) kann aus­rei­chend sein. Danach soll­te der Ein­satz been­det wer­den.

Die Fähig­keit, einen Ein­satz an die­ser Stel­le abzu­schlie­ßen, gehört zu den pro­fes­sio­nel­len Kom­pe­ten­zen in der Kri­sen­in­ter­ven­ti­on. Prä­senz bedeu­tet nicht, um jeden Preis zu blei­ben. Sie bedeu­tet auch, den rich­ti­gen Moment zu erken­nen, sich zurück­zu­zie­hen.

Nähe und Distanz ste­hen dabei nicht im Wider­spruch. Bei­de sind Aus­druck des­sel­ben Bedürf­nis­ses: die Situa­ti­on so zu regu­lie­ren, dass sie für den Hin­ter­blie­be­nen aus­halt­bar wird. Hel­fen­de soll­ten ver­su­chen, die­se Balan­ce immer wie­der neu aus­zu­ta­rie­ren – nicht nach fes­ten Regeln, son­dern ori­en­tiert dar­an, wie sie den Betrof­fe­nen erle­ben.

Sei­te 10/14

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