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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Emo­tio­na­le Reak­tio­nen vali­die­ren

Hin­ter­blie­be­ne erle­ben häu­fig ein kom­ple­xes und manch­mal wider­sprüch­li­ches Gefühls­bild. Trau­rig­keit kann neben Wut ste­hen, Schuld­ge­füh­le neben Erleich­te­rung, Lee­re neben inten­si­ver Ver­zweif­lung. Man­che Betrof­fe­ne berich­ten sogar, dass sie zunächst kaum etwas füh­len und dar­über irri­tiert oder ver­un­si­chert sind.

Für Hel­fen­de besteht eine wich­ti­ge Auf­ga­be dar­in, die­sen emo­tio­na­len Reak­tio­nen Raum zu geben und sie als nach­voll­zieh­ba­re Reak­tio­nen auf eine außer­ge­wöhn­li­che Situa­ti­on zu behan­deln. In der psy­cho­so­zia­len Unter­stüt­zung wird die­ser Umgang häu­fig als Vali­die­rung bezeich­net. Gemeint ist damit, Gefüh­le zunächst anzu­er­ken­nen, ohne sie zu bewer­ten, zu kor­ri­gie­ren oder zu rela­ti­vie­ren.

Vali­die­rung bedeu­tet nicht, dass Hel­fen­de die Gefüh­le der Hin­ter­blie­be­nen tei­len müs­sen. Es bedeu­tet auch nicht, dass sie jede Aus­sa­ge inhalt­lich bestä­ti­gen. Ob ein Gefühl für Außen­ste­hen­de nach­voll­zieh­bar ist oder nicht, spielt in die­sem Moment eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Ent­schei­dend ist, dass das Gefühl für die betrof­fe­ne Per­son real ist. Es lässt sich nicht ein­fach weg­ar­gu­men­tie­ren oder leug­nen. Des­halb ist es in der Kri­sen­in­ter­ven­ti­on oft hilf­rei­cher, sol­che Emo­tio­nen zunächst zu akzep­tie­ren und mit ihnen zu arbei­ten, statt sie vor­schnell zu rela­ti­vie­ren.

Emo­tio­nen vor­sich­tig anspre­chen

Die­se Hal­tung kann auf unter­schied­li­che Wei­se ver­mit­telt wer­den.

Eine Mög­lich­keit besteht dar­in, Gefüh­le vor­sich­tig anzu­spre­chen oder Betrof­fe­nen Raum zu geben, sie selbst zu benen­nen. Fra­gen wie „Was geht Ihnen gera­de durch den Kopf?“ oder „Wie fühlt sich das für Sie im Moment an?“ kön­nen dabei hel­fen, das inne­re Erle­ben in Wor­te zu fas­sen. Häu­fig genügt auch eine kur­ze spie­geln­de Rück­mel­dung: „Das klingt sehr belas­tend.“ oder „Sie wir­ken gera­de sehr wütend.“

Allein das Aus­spre­chen von Gefüh­len kann ent­las­tend wir­ken. Gefüh­le, die inner­lich chao­tisch und schwer greif­bar erschei­nen, wer­den durch Spra­che struk­tu­rier­ter. Das Erle­ben bekommt einen Namen. Für vie­le Hin­ter­blie­be­ne ent­steht dadurch das Gefühl, ver­stan­den zu wer­den.

Wider­sprüch­li­che Gefüh­le nor­ma­li­sie­ren

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Aspekt ist die Nor­ma­li­sie­rung wider­sprüch­li­cher Gefüh­le. Gera­de nach lan­gen Krank­heits­ver­läu­fen berich­ten Hin­ter­blie­be­ne gele­gent­lich auch von Momen­ten der Erleich­te­rung. Die­se Erleich­te­rung kann sich bei­spiels­wei­se dar­auf bezie­hen, dass ein lan­ger Lei­dens­weg zu Ende gegan­gen ist oder dass eine belas­ten­de Pha­se der Pfle­ge nun vor­bei ist. Gleich­zei­tig kann sie mit Trau­rig­keit oder Schuld­ge­füh­len ein­her­ge­hen.

Ohne Ein­ord­nung kann die­se Ambi­va­lenz für Betrof­fe­ne ver­un­si­chernd sein. Man­che fra­gen sich, ob mit ihnen „etwas nicht stimmt“, weil sie nicht aus­schließ­lich trau­rig sind. Wenn Hel­fen­de erklä­ren, dass wider­sprüch­li­che Gefüh­le nach einem Todes­fall häu­fig vor­kom­men, kann dies ent­las­tend wir­ken. Die emo­tio­na­le Reak­ti­on erscheint dann nicht mehr als per­sön­li­cher Makel, son­dern als Teil eines ver­ständ­li­chen Anpas­sungs­pro­zes­ses.

Ähn­li­ches gilt für Ärger oder Vor­wür­fe. Man­che Hin­ter­blie­be­ne reagie­ren mit Wut – auf Ärz­te, auf ande­re Ange­hö­ri­ge, auf sich selbst oder sogar auf den Ver­stor­be­nen. Die­se Gefüh­le gehö­ren zum Spek­trum mög­li­cher Trau­er­re­ak­tio­nen. Für Hel­fen­de besteht die Auf­ga­be dar­in, auch sol­che Gefüh­le zunächst anzu­er­ken­nen und aus­zu­hal­ten.

Sprach­ge­brauch
Ein typi­scher Feh­ler im Umgang mit star­ken Gefüh­len besteht dar­in, dass Hel­fen­de ver­su­chen, Betrof­fe­ne mög­lichst schnell zu beru­hi­gen. Sät­ze wie „Das wird wie­der“, „Sie müs­sen jetzt stark sein“ oder „Ver­su­chen Sie, posi­tiv zu den­ken“ sind meist gut gemeint. In der aku­ten Situa­ti­on kön­nen sie jedoch eine gegen­tei­li­ge Wir­kung haben. Sie ver­mit­teln – oft unbe­ab­sich­tigt – die Bot­schaft, dass das aktu­el­le Gefühl eigent­lich nicht da sein soll­te.

Vie­le Hin­ter­blie­be­ne reagie­ren auf sol­che Aus­sa­gen mit Rück­zug. Sie spre­chen weni­ger über das, was sie emp­fin­den, oder ver­su­chen, ihre Gefüh­le zu kon­trol­lie­ren, um die Situa­ti­on nicht wei­ter zu „belas­ten“. Dadurch ent­steht häu­fig mehr inne­re Span­nung, nicht weni­ger.

Emo­tio­nen ihren Raum las­sen

Ein wei­te­rer mög­li­cher Feh­ler besteht dar­in, Gefüh­le vor­schnell zu erklä­ren oder zu rela­ti­vie­ren. Wenn Frau Gloß bei­spiels­wei­se sagt: „Ich hät­te die Lage frü­her erken­nen und einen Arzt rufen müs­sen“, reagie­ren Hel­fen­de manch­mal mit schnel­len Ent­las­tungs­ver­su­chen: „Das konn­ten Sie doch gar nicht wis­sen.“ Auch wenn die­se Aus­sa­ge sach­lich rich­tig sein kann, erreicht sie Betrof­fe­ne emo­tio­nal häu­fig nicht. Schuld­ge­füh­le fol­gen in sol­chen Momen­ten sel­ten einer nüch­ter­nen Logik (sie­he Kapi­tel „Schuld und Schuld­ge­füh­le“).

Vali­die­rung bedeu­tet daher zunächst, das Gefühl wahr­zu­neh­men und anzu­spre­chen: „Sie machen sich gera­de gro­ße Vor­wür­fe.“ Erst danach kann es – wenn es zur Situa­ti­on passt – sinn­voll sein, gemein­sam einen ande­ren Blick auf das Gesche­hen zu ent­wi­ckeln.

Psy­cho­lo­gisch wirkt Vali­die­rung auf meh­re­ren Ebe­nen. Zum einen redu­ziert sie das Gefühl sozia­ler Iso­la­ti­on. Hin­ter­blie­be­ne erle­ben, dass ihr inne­res Erle­ben von einem ande­ren Men­schen wahr­ge­nom­men und ernst genom­men wird. Zum ande­ren trägt sie dazu bei, die emo­tio­na­le Akti­vie­rung zu regu­lie­ren. Gefüh­le, die aus­ge­spro­chen und ver­stan­den wer­den, ver­lie­ren häu­fig etwas von ihrer Inten­si­tät. Das bedeu­tet nicht, dass sie ver­schwin­den. Aber sie wer­den bes­ser inte­grier­bar.

Vali­die­rung löst emo­tio­na­le Span­nung

Vali­die­rung schafft zudem Ori­en­tie­rung. In einer Situa­ti­on, die emo­tio­nal chao­tisch wirkt, ent­steht ein Gefühl von Ver­steh­bar­keit: Das, was ich gera­de erle­be, hat einen Platz und einen Namen. Wich­tig ist dabei, dass Vali­die­rung nicht mit Dra­ma­ti­sie­rung ver­wech­selt wird. Es geht nicht dar­um, Gefüh­le zu ver­stär­ken oder zu stei­gern.

In der Pra­xis zeigt sich häu­fig, dass sich emo­tio­na­le Span­nun­gen nach einer Pha­se der Vali­die­rung etwas lösen. Hin­ter­blie­be­ne begin­nen dann bei­spiels­wei­se, ihre Gedan­ken kla­rer zu for­mu­lie­ren, Fra­gen zu stel­len oder selbst über mög­li­che nächs­te Schrit­te nach­zu­den­ken.

Vali­die­rung been­det die Trau­er nicht. Sie nimmt auch nicht den Schmerz eines Ver­lus­tes. Sie kann jedoch dazu bei­tra­gen, dass Betrof­fe­ne sich in ihrem Erle­ben weni­ger allein füh­len – und dass aus einem zunächst über­wäl­ti­gen­den Gefühls­zu­stand all­mäh­lich ein ver­steh­ba­rer inne­rer Pro­zess wird.

Sei­te 9/14

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