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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Hand­lungs­prin­zi­pi­en in der Akut­be­treu­ung

Die zuvor beschrie­be­nen Reak­ti­ons­mus­ter zei­gen, wie unter­schied­lich Men­schen unmit­tel­bar nach einem Todes­fall den Moment erle­ben und dar­auf reagie­ren. Wich­tig ist daher, dass Hel­fen­de kei­ne spe­zi­el­len Reak­tio­nen von Hin­ter­blie­be­nen erwar­ten, son­dern offen dafür sind, ihre Betreu­ung an die jewei­li­gen Bedürf­nis­se anzu­pas­sen.

Wich­tig
Ziel der Kri­sen­in­ter­ven­ti­on in den ers­ten Stun­den ist nicht die Ver­ar­bei­tung des Ver­lus­tes, son­dern Sta­bi­li­sie­rung, Ori­en­tie­rung und Ent­las­tung. Hel­fen­de kön­nen dazu bei­tra­gen, eine äuße­re Struk­tur zu schaf­fen, Sicher­heit zu ver­mit­teln und Hand­lungs­spiel­räu­me behut­sam zu erwei­tern. Dabei steht nicht eine bestimm­te Tech­nik im Vor­der­grund, son­dern eine pro­fes­sio­nel­le Hal­tung, die sich am Zustand und an den Bedürf­nis­sen der jewei­li­gen Per­son ori­en­tiert.

Ich habe die grund­le­gen­den Hand­lungs­prin­zi­pi­en in einem Ori­en­tie­rungs­mo­dell der Akut­in­ter­ven­ti­on zusam­men­ge­fasst und in der fol­gen­den Gra­fik ver­an­schau­licht. Die dar­ge­stell­ten Hand­lungs­prin­zi­pi­en ori­en­tie­ren sich an eta­blier­ten Ansät­zen der Kri­sen­in­ter­ven­ti­on und an grund­le­gen­den Erkennt­nis­sen der Stress- und Trau­ma­for­schung, wur­den jedoch für die­ses Hand­buch in einem eige­nen Ori­en­tie­rungs­mo­dell zusam­men­ge­führt.

Das Modell besteht aus einem tra­gen­den Netz, in das sich Hin­ter­blie­be­ne fal­len las­sen kön­nen. Es ist robus­ter, je stär­ker die ein­zel­nen Hand­lungs­prin­zi­pi­en in der Akut­be­treu­ung umge­setzt wer­den.

Orientierungsmodell der Akutintervention
Abbil­dung: Ori­en­tie­rungs­mo­dell der Akut­in­ter­ven­ti­on

Zu den Hand­lungs­prin­zi­pi­en gehö­ren Sta­bi­li­sie­rung, Struk­tur schaf­fen, Selbst­wirk­sam­keit stär­ken, Emo­tio­nen vali­die­ren, die Bezie­hung zu den Hin­ter­blie­be­nen regu­lie­ren und Infor­ma­tio­nen dosie­ren. Zusam­men­ge­hal­ten wer­den die Prin­zi­pi­en durch Gren­zen, die es durch­weg zu wah­ren gilt.

Nach­fol­gend wer­den die ein­zel­nen Prin­zi­pi­en der Akut­in­ter­ven­ti­on aus­führ­lich bespro­chen. Dabei begeg­nen wir Frau Gloß wie­der. Wie also kön­nen wir ihr nun hel­fen?

Sicher­heit und Sta­bi­li­sie­rung ermög­li­chen

In den ers­ten Stun­den nach einem Todes­fall steht nicht das Ver­ste­hen oder Ein­ord­nen des Gesche­hens im Vor­der­grund. Die­ser Pro­zess erfolgt zum Teil erst deut­lich spä­ter (sie­he Kapi­tel „Trau­er“). Unmit­tel­bar nach einem Todes­fall geht es dar­um, zunächst eine Form von Sta­bi­li­tät in eine Situa­ti­on zu brin­gen, die vie­le Hin­ter­blie­be­ne inner­lich als erschüt­ternd und halt­los erle­ben. In die­ser Pha­se geht es weni­ger dar­um, „etwas Bestimm­tes zu tun“, son­dern dar­um, einen ver­läss­li­chen Rah­men zu schaf­fen.

Sicher­heit ent­steht zunächst durch Prä­senz. Eine ruhi­ge, kla­re und zuge­wand­te Hal­tung der Hel­fen­den wirkt regu­lie­rend, weil sie dem hoch­ak­ti­vier­ten Ner­ven­sys­tem des Gegen­übers ein ande­res Tem­po anbie­tet. Wenn Hel­fen­de lang­sa­mer spre­chen, ein­fa­che Sät­ze ver­wen­den und Pau­sen zulas­sen, sen­den sie ein wich­ti­ges Signal: „Es besteht kei­ne aku­te Gefahr. Du musst gera­de nichts leis­ten.“

Das Ner­ven­sys­tem reagiert auf sol­che Signa­le. Herz­schlag und Atmung kön­nen sich all­mäh­lich beru­hi­gen. Die Auf­merk­sam­keit wei­tet sich wie­der. Erst dann wird es für den Hin­ter­blie­be­nen mög­lich, Infor­ma­tio­nen auf­zu­neh­men oder klei­ne Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.

Auch Ori­en­tie­rung ver­mit­telt Sicher­heit. Wenn eine Hel­fe­rin sagt: „Wir blei­ben jetzt erst ein­mal hier bei Ihnen.“ oder „Als Nächs­tes küm­mern wir uns gemein­sam um …“, geschieht mehr als rei­ne Infor­ma­ti­on. In einer Situa­ti­on, die Hin­ter­blie­be­ne zunächst als voll­stän­dig unkon­trol­lier­bar erle­ben, ent­steht wie­der ein Min­dest­maß an Struk­tur. Für das inne­re Erle­ben bedeu­tet das: Es gibt einen nächs­ten Schritt. Es gibt Halt.

Tee kochen kann hand­lungs­fä­hi­ger machen

Man­che Hel­fen­de haben das Gefühl, Hin­ter­blie­be­ne nicht zusätz­lich belas­ten zu wol­len. Sie leh­nen des­halb Ange­bo­te von Hin­ter­blie­be­nen ab – etwa gemein­sam einen Tee zu kochen. Aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht kann jedoch genau dar­in eine sta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung lie­gen. Wenn Hel­fen­de das Ange­bot einer Tas­se Tee von Frau Gloß anneh­men, geben sie ihr die Chan­ce, ver­trau­te Hand­lungs­mus­ter aus­zu­füh­ren. Sie setzt Was­ser auf, holt eine Tas­se aus dem Schrank, nimmt einen Tee­beu­tel aus der Packung, legt ihn in die Tas­se und über­gießt ihn schließ­lich mit hei­ßem Was­ser. Die­se ein­fa­chen, auto­ma­ti­sier­ten Abläu­fe ver­mit­teln für einen Moment wie­der Hand­lungs­fä­hig­keit. In einer Situa­ti­on, in der alles ent­zo­gen scheint, ent­steht so eine klei­ne, aber rea­le Erfah­rung von Ein­fluss. Neh­men Sie das Ange­bot einer Tas­se Tee oder Kaf­fee also ger­ne an, wenn Sie gera­de Lust dar­auf haben.

Sta­bi­li­sie­rung bedeu­tet nicht, star­ke Gefüh­le zu unter­drü­cken oder rasch zu beru­hi­gen. Wei­nen, Schwei­gen oder auch laut geäu­ßer­te Ver­zweif­lung sind nach­voll­zieh­ba­re Reak­tio­nen. Sicher­heit ent­steht nicht dadurch, dass die­se Gefüh­le unter­drückt oder been­det wer­den, son­dern durch das Erle­ben, mit ihnen nicht allein zu sein.

Rei­ze redu­zie­ren und ruhig atmen

Sta­bi­li­sie­rung kann ein­fa­che Inter­ven­tio­nen beinhal­ten, zum Bei­spiel:

  • Redu­zie­ren von Rei­zen: In aku­ten Belas­tungs­si­tua­tio­nen ist die Auf­merk­sam­keit häu­fig stark ver­engt. Gleich­zei­tig wer­den ein­zel­ne Rei­ze inten­si­ver wahr­ge­nom­men. Lau­te Stim­men, klin­geln­de Tele­fo­ne oder meh­re­re gleich­zei­tig spre­chen­de Per­so­nen kön­nen das Gefühl inne­rer Über­for­de­rung ver­stär­ken.
    Reiz­re­duk­ti­on bedeu­tet des­halb oft etwas sehr Kon­kre­tes: den Fern­se­her aus­schal­ten, das Han­dy laut­los stel­len, ande­re Per­so­nen bit­ten, das Gespräch kurz im Neben­raum fort­zu­füh­ren oder das Gespräch mit dem Hin­ter­blie­be­nen an einen ruhi­ge­ren Ort zu ver­la­gern.
    Sol­che Maß­nah­men wir­ken unschein­bar. Für das hoch­ak­ti­vier­te Stress­sys­tem kön­nen sie jedoch ent­schei­dend sein. Weni­ger äuße­re Rei­ze bedeu­ten weni­ger Ver­ar­bei­tungs­last. Das Ner­ven­sys­tem erhält die Mög­lich­keit, sich zu beru­hi­gen. Erst dann wird es leich­ter, zuzu­hö­ren, nach­zu­den­ken oder klei­ne Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.
    Auch Unter­su­chun­gen zur Wir­kung kur­zer Pha­sen von Stil­le zei­gen, dass redu­zier­te Reiz­um­ge­bun­gen mit erhöh­ter Ent­span­nung und stär­ke­rer Gegen­warts­ori­en­tie­rung ein­her­ge­hen kön­nen (Pfei­fer & Witt­mann, 2020).
    Manch­mal emp­fin­den Hin­ter­blie­be­ne Ruhe aller­dings auch als belas­tend. Äuße­re Rei­ze wir­ken für sie ange­nehm ablen­kend. Für sie ist die Reiz­re­duk­ti­on der fal­sche Ansatz. Von daher ist es wich­tig, mit den Hin­ter­blie­be­nen zu bespre­chen, ob es ange­neh­mer für sie ist, den Fern­se­her abzu­schal­ten oder auf ande­re Wei­se für mehr Ruhe zu sor­gen – oder ob die Hin­ter­grund­ge­räu­sche lie­ber blei­ben sol­len.
  • Ruhi­ges Atmen: Eine Atem­übung muss weder lang noch tech­nisch sein. Oft genü­gen ein oder zwei ruhi­ge Sät­ze, die den Atem ver­lang­sa­men und damit indi­rekt das Stress­sys­tem regu­lie­ren: „Las­sen Sie uns einen Moment ein­fach hier sit­zen. Atmen Sie ein­mal lang­sam durch die Nase ein … und ganz ruhig durch den Mund wie­der aus. Ich mache das mit Ihnen zusam­men. Kein Druck. Nur ein ruhi­ger Atem­zug.“
    Schon ein bewusst ver­lang­sam­ter Atem­zug kann dem Kör­per signa­li­sie­ren, dass kei­ne unmit­tel­ba­re Gefahr besteht. Die Stress­re­ak­ti­on ver­liert dadurch etwas an Inten­si­tät (Ber­nar­di et al., 2006; Leh­rer & Gevirtz, 2014). Ziel ist es dabei nicht, tief zu ent­span­nen, son­dern den Betrof­fe­nen kurz­fris­tig zu sta­bi­li­sie­ren und sei­ne Hand­lungs­fä­hig­keit wie­der­her­zu­stel­len.

Eine ruhi­ge, kla­re Prä­senz wirkt nicht nur mensch­lich, son­dern auch phy­sio­lo­gisch. Sie unter­stützt das hoch­ak­ti­vier­te Stress­sys­tem dabei, all­mäh­lich wie­der in ein Gleich­ge­wicht zu fin­den.

Sei­te 6/14

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