Wenn ein naher Angehöriger oder Freund gestorben ist, bricht für viele Hinterbliebene eine Welt zusammen. Ein geliebter Mensch ist tot. Das ist eine unausweichliche und unumkehrbare Wahrheit. Sie ist hart und kalt.
Fallbeispiel
Was mag wohl eine 83-jährige Frau fühlen, die zu Hause in ihrem Schlafzimmer steht und auf das Bett blickt, in dem ihr gleichaltriger Mann liegt? Er ist gerade gestorben. Nennen wir sie Frau Gloß. Denkt diese Frau zurück an die 60 gemeinsamen Jahre, die sie miteinander geteilt haben? Denkt sie an viele gemeinsame Stunden, in denen sie miteinander gelacht haben? Oder an die Herausforderungen des Lebens, in denen sie sich gegenseitig unterstützt und die sie gemeinsam gemeistert haben? Wie geht ihr Leben jetzt weiter – ohne ihn, nach den Jahrzehnten der vertrauten Zweisamkeit?
Selbst wenn wir wissen, was Frau Gloß durch den Kopf geht: Wir werden nie wissen, wie sich die Situation für sie wirklich anfühlt. Sie kann es uns beschreiben, wir können unsere eigenen Erfahrungen mit in die Situation einfließen lassen, wie es sich anfühlte, als wir einen geliebten Menschen verloren haben. Aber dennoch haben wir maximal eine Vorstellung davon, wie es dieser Frau gehen könnte. Mehr als eine Vorstellung haben wir aber nicht.
Jeder Mensch fühlt und reagiert in einer solchen Situation anders. Daher ist es nicht verwunderlich, dass jeder Mensch auch andere Bedürfnisse hat, wie sein Umfeld nach einem Todesfall mit ihm umgehen soll.
Helfende müssen sich immer wieder anpassen
Für die Helfenden liegt eine Herausforderung also darin, sich jedes Mal neu auf eine solche Situation einzulassen, jedes Mal herauszufinden, was die Hinterbliebenen in diesem Moment benötigen – und darauf zu reagieren. Es gibt keine Blaupausen, die automatisch von einer Situation auf eine andere übertragen werden können. Was bei einem Einsatz am Vortag gut funktioniert hat, kann heute eine weniger erfolgreiche Strategie sein.
Dieses Kapitel beleuchtet deshalb, was Menschen wie Frau Gloß direkt nach einem Todesfall empfinden oder welche Bedürfnisse sie theoretisch haben können. Es geht um Möglichkeiten, von denen nicht alle auf jeden Hinterbliebenen zutreffen. Ziel des Kapitels ist es, zu vermitteln, welche Reaktionen auftreten und wie Helfende darauf reagieren können – unter der Berücksichtigung individueller Bedürfnisse der Hinterbliebenen. Das Kapitel konzentriert sich dabei auf die allgemeinen, grundlegenden Bedürfnisse von Hinterbliebenen. Spezielle Situationen, wie etwa nach einem Suizid mit Hinterbliebenen umgegangen werden kann, werden in späteren Kapiteln gesondert behandelt.
In einem ersten Schritt geht es in diesem Kapitel um die Frage, wie Menschen unmittelbar nach einem Todesfall psychisch wie physisch reagieren können. Was also passiert mit Frau Gloß, wenn sie ihren verstorbenen Mann anschaut? In einem zweiten Schritt geht es um die Handlungsoptionen, die Helfende ergreifen können.
Schock und Unwirklichkeit
In der unmittelbaren Phase nach einem Todesfall berichten viele Hinterbliebene von einem Zustand, der als „Schock“ beschrieben wird. Gemeint ist damit kein medizinischer Notfall im engeren Sinne, sondern ein psychischer Ausnahmezustand. Das Geschehen wird zwar wahrgenommen, dringt jedoch nicht vollständig in die innere Verarbeitung vor. Die Information „Dieser Mensch ist tot“ ist zwar vom Gehirn verstanden, emotional ist sie aber noch nicht angekommen.
Typisch sind Unwirklichkeitsgefühle. Betroffene schildern, die Situation wirke „wie nicht echt“, „wie in einem Film“ oder „wie in einem Traum“. Manche beschreiben das Gefühl, neben sich zu stehen oder das Geschehen von außen zu beobachten. Dieses Erleben kann mit einer inneren Leere einhergehen, aber auch mit einer seltsam klaren, fast sachlichen Wahrnehmung der Umgebung.
Körper reagiert mit Distanz
Solche Reaktionen sind Ausdruck einer akuten Überlastung des psychischen Systems. Der Organismus reagiert auf eine extrem belastende Nachricht mit einer vorübergehenden Distanzierung. Diese Distanz kann als Schutzmechanismus verstanden werden. Sie verhindert, dass die emotionale Wucht des Ereignisses unmittelbar und ungebremst durchschlägt.
Der Eindruck von Gefühllosigkeit oder erstaunlicher Ruhe bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass der Verlust den Betroffenen unberührt lässt. Vielmehr kann dies Teil einer normalen akuten Anpassungsreaktion sein. Ebenso wenig ist es ungewöhnlich, wenn der Schockzustand phasenweise aufbricht und von intensiven Gefühlsausbrüchen abgelöst wird.
Für Außenstehende kann dieser Zustand irritierend sein. Hinterbliebene wirken unter Umständen gefasst, stellen organisatorische Fragen oder treffen Entscheidungen, während sie innerlich noch kaum erfassen, was geschehen ist. Dieses Nebeneinander von Funktionieren und innerer Unwirklichkeit ist typisch für die ersten Stunden nach einem Todesfall.