Skip to content
  •  

Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

  • Hand­buch
    • Online-Ver­­­si­on
    • PDF / Down­load
    • Print-Ver­­­si­on
  • Pra­xis-Mate­ri­al
    • Nach dem Tod – eine Ori­en­tie­rungs­hil­fe
  • Media­thek
    • Film-Dokus und Pod­casts
    • Buch­emp­feh­lun­gen
  • Fort­bil­dun­gen
  • Akut­hil­fe im Not­fall
  • News­let­ter
  • Über mich

Hil­fe nach einem Todes­fall — wie füh­len sich Hin­ter­blie­be­ne?

Wenn ein naher Ange­hö­ri­ger oder Freund gestor­ben ist, bricht für vie­le Hin­ter­blie­be­ne eine Welt zusam­men. Ein gelieb­ter Mensch ist tot. Das ist eine unaus­weich­li­che und unum­kehr­ba­re Wahr­heit. Sie ist hart und kalt.

Fall­bei­spiel
Was mag wohl eine 83-jäh­ri­ge Frau füh­len, die zu Hau­se in ihrem Schlaf­zim­mer steht und auf das Bett blickt, in dem ihr gleich­alt­ri­ger Mann liegt? Er ist gera­de gestor­ben. Nen­nen wir sie Frau Gloß. Denkt die­se Frau zurück an die 60 gemein­sa­men Jah­re, die sie mit­ein­an­der geteilt haben? Denkt sie an vie­le gemein­sa­me Stun­den, in denen sie mit­ein­an­der gelacht haben? Oder an die Her­aus­for­de­run­gen des Lebens, in denen sie sich gegen­sei­tig unter­stützt und die sie gemein­sam gemeis­tert haben? Wie geht ihr Leben jetzt wei­ter – ohne ihn, nach den Jahr­zehn­ten der ver­trau­ten Zwei­sam­keit?

Selbst wenn wir wis­sen, was Frau Gloß durch den Kopf geht: Wir wer­den nie wis­sen, wie sich die Situa­ti­on für sie wirk­lich anfühlt. Sie kann es uns beschrei­ben, wir kön­nen unse­re eige­nen Erfah­run­gen mit in die Situa­ti­on ein­flie­ßen las­sen, wie es sich anfühl­te, als wir einen gelieb­ten Men­schen ver­lo­ren haben. Aber den­noch haben wir maxi­mal eine Vor­stel­lung davon, wie es die­ser Frau gehen könn­te. Mehr als eine Vor­stel­lung haben wir aber nicht.

Jeder Mensch fühlt und reagiert in einer sol­chen Situa­ti­on anders. Daher ist es nicht ver­wun­der­lich, dass jeder Mensch auch ande­re Bedürf­nis­se hat, wie sein Umfeld nach einem Todes­fall mit ihm umge­hen soll.

Hel­fen­de müs­sen sich immer wie­der anpas­sen

Für die Hel­fen­den liegt eine Her­aus­for­de­rung also dar­in, sich jedes Mal neu auf eine sol­che Situa­ti­on ein­zu­las­sen, jedes Mal her­aus­zu­fin­den, was die Hin­ter­blie­be­nen in die­sem Moment benö­ti­gen – und dar­auf zu reagie­ren. Es gibt kei­ne Blau­pau­sen, die auto­ma­tisch von einer Situa­ti­on auf eine ande­re über­tra­gen wer­den kön­nen. Was bei einem Ein­satz am Vor­tag gut funk­tio­niert hat, kann heu­te eine weni­ger erfolg­rei­che Stra­te­gie sein.

Die­ses Kapi­tel beleuch­tet des­halb, was Men­schen wie Frau Gloß direkt nach einem Todes­fall emp­fin­den oder wel­che Bedürf­nis­se sie theo­re­tisch haben kön­nen. Es geht um Mög­lich­kei­ten, von denen nicht alle auf jeden Hin­ter­blie­be­nen zutref­fen. Ziel des Kapi­tels ist es, zu ver­mit­teln, wel­che Reak­tio­nen auf­tre­ten und wie Hel­fen­de dar­auf reagie­ren kön­nen – unter der Berück­sich­ti­gung indi­vi­du­el­ler Bedürf­nis­se der Hin­ter­blie­be­nen. Das Kapi­tel kon­zen­triert sich dabei auf die all­ge­mei­nen, grund­le­gen­den Bedürf­nis­se von Hin­ter­blie­be­nen. Spe­zi­el­le Situa­tio­nen, wie etwa nach einem Sui­zid mit Hin­ter­blie­be­nen umge­gan­gen wer­den kann, wer­den in spä­te­ren Kapi­teln geson­dert behan­delt.

In einem ers­ten Schritt geht es in die­sem Kapi­tel um die Fra­ge, wie Men­schen unmit­tel­bar nach einem Todes­fall psy­chisch wie phy­sisch reagie­ren kön­nen. Was also pas­siert mit Frau Gloß, wenn sie ihren ver­stor­be­nen Mann anschaut? In einem zwei­ten Schritt geht es um die Hand­lungs­op­tio­nen, die Hel­fen­de ergrei­fen kön­nen.

Schock und Unwirk­lich­keit

In der unmit­tel­ba­ren Pha­se nach einem Todes­fall berich­ten vie­le Hin­ter­blie­be­ne von einem Zustand, der als „Schock“ beschrie­ben wird. Gemeint ist damit kein medi­zi­ni­scher Not­fall im enge­ren Sin­ne, son­dern ein psy­chi­scher Aus­nah­me­zu­stand. Das Gesche­hen wird zwar wahr­ge­nom­men, dringt jedoch nicht voll­stän­dig in die inne­re Ver­ar­bei­tung vor. Die Infor­ma­ti­on „Die­ser Mensch ist tot“ ist zwar vom Gehirn ver­stan­den, emo­tio­nal ist sie aber noch nicht ange­kom­men.

Typisch sind Unwirk­lich­keits­ge­füh­le. Betrof­fe­ne schil­dern, die Situa­ti­on wir­ke „wie nicht echt“, „wie in einem Film“ oder „wie in einem Traum“. Man­che beschrei­ben das Gefühl, neben sich zu ste­hen oder das Gesche­hen von außen zu beob­ach­ten. Die­ses Erle­ben kann mit einer inne­ren Lee­re ein­her­ge­hen, aber auch mit einer selt­sam kla­ren, fast sach­li­chen Wahr­neh­mung der Umge­bung.

Kör­per reagiert mit Distanz

Sol­che Reak­tio­nen sind Aus­druck einer aku­ten Über­las­tung des psy­chi­schen Sys­tems. Der Orga­nis­mus reagiert auf eine extrem belas­ten­de Nach­richt mit einer vor­über­ge­hen­den Distan­zie­rung. Die­se Distanz kann als Schutz­me­cha­nis­mus ver­stan­den wer­den. Sie ver­hin­dert, dass die emo­tio­na­le Wucht des Ereig­nis­ses unmit­tel­bar und unge­bremst durch­schlägt.

Der Ein­druck von Gefühl­lo­sig­keit oder erstaun­li­cher Ruhe bedeu­tet daher nicht zwangs­läu­fig, dass der Ver­lust den Betrof­fe­nen unbe­rührt lässt. Viel­mehr kann dies Teil einer nor­ma­len aku­ten Anpas­sungs­re­ak­ti­on sein. Eben­so wenig ist es unge­wöhn­lich, wenn der Schock­zu­stand pha­sen­wei­se auf­bricht und von inten­si­ven Gefühls­aus­brü­chen abge­löst wird.

Für Außen­ste­hen­de kann die­ser Zustand irri­tie­rend sein. Hin­ter­blie­be­ne wir­ken unter Umstän­den gefasst, stel­len orga­ni­sa­to­ri­sche Fra­gen oder tref­fen Ent­schei­dun­gen, wäh­rend sie inner­lich noch kaum erfas­sen, was gesche­hen ist. Die­ses Neben­ein­an­der von Funk­tio­nie­ren und inne­rer Unwirk­lich­keit ist typisch für die ers­ten Stun­den nach einem Todes­fall.

Sei­te 2/14

← Zurück
Inhalts­ver­zeich­nis
Wei­ter →

Danke für Ihre Unterstützung! | Kontakt

Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Cookie-Einstellung ändern | Impressum

© Andreas Neubrech, 2026