Ein Todesfall konfrontiert Hinterbliebene mit einer radikalen Form des Kontrollverlusts. Das Ereignis ist endgültig und unumkehrbar. Nichts kann mehr verändert oder korrigiert werden. Kontrollverlust trifft Hinterbliebene umso härter, als dass das Erleben von Kontrolle zu den zentralen psychologischen Grundbedürfnissen gehört. Wird diese Kontrolle plötzlich entzogen, entsteht häufig ein Gefühl von Hilflosigkeit. Hinterbliebene äußern dies mit Sätzen wie: „Ich kann nichts mehr tun“ oder „Es ist alles zu viel.“
In der Praxis zeigt sich dieses Erleben oft in kleinen Situationen: Eine Hinterbliebene steht vor dem Telefon und weiß, dass sie ihre Kinder informieren will – und bringt es dennoch nicht fertig, die Nummer zu wählen. Ein Sohn sitzt am Küchentisch vor einem Zettel mit notwendigen Formalitäten, ohne entscheiden zu können, womit er beginnen soll. Nicht, weil er es nicht versteht, sondern weil ihm innerlich der Halt fehlt.
Wichtig zu verstehen ist, dass beim Thema Hilflosigkeit nicht die objektive Faktenlage entscheidend ist. Es geht nicht um die Frage, ob der Hinterbliebene tatsächlich Handlungsoptionen hat oder nicht, sondern um das subjektive Empfinden: Hat der Hinterbliebene den Eindruck, noch eine Einflussmöglichkeit auf die Situation zu haben?
Gefühl der Kontrolle für viele Menschen essenziell
Ein einfaches Beispiel hilft dabei, diesen Unterschied zu verstehen. Manche Menschen meiden Aufzüge aus Angst, steckenzubleiben und nicht mehr herauszukommen. Andere steigen ungern in ein Flugzeug, weil sie sagen: „Wenn es abstürzt, kann ich nichts mehr tun.“ Sie haben Angst, sich einer Situation auszusetzen, in der sie im Notfall hilflos sind. Dieselben Personen fahren jedoch mit dem Zug – obwohl er entgleisen und ebenfalls verunglücken könnte. Auf die Frage, warum sie davor keine Angst haben, antworten sie häufig: „Dort könnte ich im Notfall wenigstens noch die Notbremse ziehen.“ Ob diese Handlungsmöglichkeit im Ernstfall realistisch wäre, spielt eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist das Gefühl, nicht völlig ausgeliefert zu sein.
Ein Todesfall nimmt diese Form erlebter Einflussmöglichkeit vollständig. Es gibt keine „Notbremse“. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Hinterbliebene selbst bei kleinen organisatorischen Fragen rasch an ihre Grenzen stoßen können. Das Gefühl, ohnehin nichts mehr bewirken zu können, kann Initiative und Entscheidungsfähigkeit erheblich schwächen (Seligman, 1975). Hinzu kommt, dass akuter Stress die Fähigkeit beeinträchtigen kann, Handlungsoptionen klar zu strukturieren und Prioritäten zu setzen (Arnsten, 2009). Selbst überschaubare organisatorische Schritte können dadurch als unüberwindbar erscheinen.
Körperliche Reaktionen
Ein Todesfall betrifft nicht nur Gedanken und Gefühle. Viele Hinterbliebene reagieren auch körperlich auf die Situation. Zittern, Herzklopfen, Engegefühl in der Brust, flache Atmung, Übelkeit oder Schwindel können durchaus normale Reaktionen sein. Manche berichten, sie fühlten sich „wie benommen“, andere klagen über plötzliche Erschöpfung oder das Gefühl, kaum Kraft in den Beinen zu haben.
Auch diese Reaktionen sind Ausdruck einer akuten Stressantwort des Körpers. Die ICD-11 beschreibt im Zusammenhang mit akuten Belastungsreaktionen unter anderem vegetative Symptome wie Herzrasen, Schwitzen oder innere Unruhe (World Health Organization, 2019). Der Organismus schaltet in einen Alarmzustand.
Belastung macht viele Menschen unruhig
Neurobiologisch betrachtet aktiviert eine extreme Belastung das Stresssystem des Körpers. Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, Puls und Blutdruck steigen, die Muskulatur spannt sich an. Diese Reaktion ist evolutionsbiologisch sinnvoll: Sie bereitet den Körper darauf vor, schnell zu handeln, etwa indem er kämpft oder flieht. In einer Situation wie dem plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen gibt es jedoch nichts, wovor man fliehen oder gegen das man kämpfen kann. Die körperliche Aktivierung bleibt ohne konkretes Ziel.
In der Praxis reagieren Menschen mit unterschiedlichen Strategien auf diese Aktivierung. Manche Hinterbliebene laufen unruhig im Raum auf und ab, als suchten sie nach einer Aufgabe. Die Anspannung kann sich auch in aggressiven Handlungen äußern, beispielsweise durch Schreien oder indem er mit der Faust auf ein Sofa schlägt. Solche Reaktionen richten sich meist nicht gezielt gegen anwesende Personen, sondern sind Ausdruck innerer Überforderung und hoher körperlicher Aktivierung.
Andere wirken äußerlich ruhig, sind aber innerlich angespannt und berichten später von massiver Erschöpfung. Wieder andere frieren plötzlich oder klagen über Kopfschmerzen. Auch solche körperlichen Reaktionen sind Teil einer umfassenden Stressantwort des Organismus (McEwen, 2007).