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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Kon­troll­ver­lust nach einem Todes­fall

Ein Todes­fall kon­fron­tiert Hin­ter­blie­be­ne mit einer radi­ka­len Form des Kon­troll­ver­lusts. Das Ereig­nis ist end­gül­tig und unum­kehr­bar. Nichts kann mehr ver­än­dert oder kor­ri­giert wer­den. Kon­troll­ver­lust trifft Hin­ter­blie­be­ne umso här­ter, als dass das Erle­ben von Kon­trol­le zu den zen­tra­len psy­cho­lo­gi­schen Grund­be­dürf­nis­sen gehört. Wird die­se Kon­trol­le plötz­lich ent­zo­gen, ent­steht häu­fig ein Gefühl von Hilf­lo­sig­keit. Hin­ter­blie­be­ne äußern dies mit Sät­zen wie: „Ich kann nichts mehr tun“ oder „Es ist alles zu viel.“

In der Pra­xis zeigt sich die­ses Erle­ben oft in klei­nen Situa­tio­nen: Eine Hin­ter­blie­be­ne steht vor dem Tele­fon und weiß, dass sie ihre Kin­der infor­mie­ren will – und bringt es den­noch nicht fer­tig, die Num­mer zu wäh­len. Ein Sohn sitzt am Küchen­tisch vor einem Zet­tel mit not­wen­di­gen For­ma­li­tä­ten, ohne ent­schei­den zu kön­nen, womit er begin­nen soll. Nicht, weil er es nicht ver­steht, son­dern weil ihm inner­lich der Halt fehlt.

Wich­tig zu ver­ste­hen ist, dass beim The­ma Hilf­lo­sig­keit nicht die objek­ti­ve Fak­ten­la­ge ent­schei­dend ist. Es geht nicht um die Fra­ge, ob der Hin­ter­blie­be­ne tat­säch­lich Hand­lungs­op­tio­nen hat oder nicht, son­dern um das sub­jek­ti­ve Emp­fin­den: Hat der Hin­ter­blie­be­ne den Ein­druck, noch eine Ein­fluss­mög­lich­keit auf die Situa­ti­on zu haben?

Gefühl der Kon­trol­le für vie­le Men­schen essen­zi­ell

Ein ein­fa­ches Bei­spiel hilft dabei, die­sen Unter­schied zu ver­ste­hen. Man­che Men­schen mei­den Auf­zü­ge aus Angst, ste­cken­zu­blei­ben und nicht mehr her­aus­zu­kom­men. Ande­re stei­gen ungern in ein Flug­zeug, weil sie sagen: „Wenn es abstürzt, kann ich nichts mehr tun.“ Sie haben Angst, sich einer Situa­ti­on aus­zu­set­zen, in der sie im Not­fall hilf­los sind. Die­sel­ben Per­so­nen fah­ren jedoch mit dem Zug – obwohl er ent­glei­sen und eben­falls ver­un­glü­cken könn­te. Auf die Fra­ge, war­um sie davor kei­ne Angst haben, ant­wor­ten sie häu­fig: „Dort könn­te ich im Not­fall wenigs­tens noch die Not­brem­se zie­hen.“ Ob die­se Hand­lungs­mög­lich­keit im Ernst­fall rea­lis­tisch wäre, spielt eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Ent­schei­dend ist das Gefühl, nicht völ­lig aus­ge­lie­fert zu sein.

Ein Todes­fall nimmt die­se Form erleb­ter Ein­fluss­mög­lich­keit voll­stän­dig. Es gibt kei­ne „Not­brem­se“. Vor die­sem Hin­ter­grund wird ver­ständ­lich, war­um Hin­ter­blie­be­ne selbst bei klei­nen orga­ni­sa­to­ri­schen Fra­gen rasch an ihre Gren­zen sto­ßen kön­nen. Das Gefühl, ohne­hin nichts mehr bewir­ken zu kön­nen, kann Initia­ti­ve und Ent­schei­dungs­fä­hig­keit erheb­lich schwä­chen (Selig­man, 1975). Hin­zu kommt, dass aku­ter Stress die Fähig­keit beein­träch­ti­gen kann, Hand­lungs­op­tio­nen klar zu struk­tu­rie­ren und Prio­ri­tä­ten zu set­zen (Arns­ten, 2009). Selbst über­schau­ba­re orga­ni­sa­to­ri­sche Schrit­te kön­nen dadurch als unüber­wind­bar erschei­nen.

Kör­per­li­che Reak­tio­nen

Ein Todes­fall betrifft nicht nur Gedan­ken und Gefüh­le. Vie­le Hin­ter­blie­be­ne reagie­ren auch kör­per­lich auf die Situa­ti­on. Zit­tern, Herz­klop­fen, Enge­ge­fühl in der Brust, fla­che Atmung, Übel­keit oder Schwin­del kön­nen durch­aus nor­ma­le Reak­tio­nen sein. Man­che berich­ten, sie fühl­ten sich „wie benom­men“, ande­re kla­gen über plötz­li­che Erschöp­fung oder das Gefühl, kaum Kraft in den Bei­nen zu haben.

Auch die­se Reak­tio­nen sind Aus­druck einer aku­ten Stress­ant­wort des Kör­pers. Die ICD-11 beschreibt im Zusam­men­hang mit aku­ten Belas­tungs­re­ak­tio­nen unter ande­rem vege­ta­ti­ve Sym­pto­me wie Herz­ra­sen, Schwit­zen oder inne­re Unru­he (World Health Orga­niza­ti­on, 2019). Der Orga­nis­mus schal­tet in einen Alarm­zu­stand.

Belas­tung macht vie­le Men­schen unru­hig

Neu­ro­bio­lo­gisch betrach­tet akti­viert eine extre­me Belas­tung das Stress­sys­tem des Kör­pers. Stress­hor­mo­ne wie Adre­na­lin und Cor­ti­sol wer­den aus­ge­schüt­tet, Puls und Blut­druck stei­gen, die Mus­ku­la­tur spannt sich an. Die­se Reak­ti­on ist evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch sinn­voll: Sie berei­tet den Kör­per dar­auf vor, schnell zu han­deln, etwa indem er kämpft oder flieht. In einer Situa­ti­on wie dem plötz­li­chen Tod eines nahe­ste­hen­den Men­schen gibt es jedoch nichts, wovor man flie­hen oder gegen das man kämp­fen kann. Die kör­per­li­che Akti­vie­rung bleibt ohne kon­kre­tes Ziel.

In der Pra­xis reagie­ren Men­schen mit unter­schied­li­chen Stra­te­gien auf die­se Akti­vie­rung. Man­che Hin­ter­blie­be­ne lau­fen unru­hig im Raum auf und ab, als such­ten sie nach einer Auf­ga­be. Die Anspan­nung kann sich auch in aggres­si­ven Hand­lun­gen äußern, bei­spiels­wei­se durch Schrei­en oder indem er mit der Faust auf ein Sofa schlägt. Sol­che Reak­tio­nen rich­ten sich meist nicht gezielt gegen anwe­sen­de Per­so­nen, son­dern sind Aus­druck inne­rer Über­for­de­rung und hoher kör­per­li­cher Akti­vie­rung.

Ande­re wir­ken äußer­lich ruhig, sind aber inner­lich ange­spannt und berich­ten spä­ter von mas­si­ver Erschöp­fung. Wie­der ande­re frie­ren plötz­lich oder kla­gen über Kopf­schmer­zen. Auch sol­che kör­per­li­chen Reak­tio­nen sind Teil einer umfas­sen­den Stress­ant­wort des Orga­nis­mus (McE­wen, 2007).

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