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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Selbst­wirk­sam­keit stär­ken

Begren­zen, Prio­ri­sie­ren und Ver­an­kern schaf­fen einen äuße­ren Rah­men. Doch selbst wenn Raum und Zeit wie­der etwas kla­rer erschei­nen, bleibt bei vie­len Hin­ter­blie­be­nen ein ande­res Erle­ben bestehen: Ohn­macht.

Ein Todes­fall kon­fron­tiert Men­schen mit einer Erfah­rung, die sich ihrem Ein­fluss voll­stän­dig ent­zo­gen hat. In der Akut­pha­se kann es des­halb hilf­reich sein, nicht nur Struk­tur von außen anzu­bie­ten, son­dern den Hin­ter­blie­be­nen das Gefühl zu ver­mit­teln, dass sie einen Ein­fluss auf die Situa­ti­on haben. In der Psy­cho­lo­gie wird die­ses Erle­ben als Selbst­wirk­sam­keit bezeich­net – also die Über­zeu­gung, durch eige­nes Han­deln Ein­fluss auf eine Situa­ti­on neh­men zu kön­nen (Bandu­ra, 1977). Selbst­wirk­sam­keit ent­steht dabei nicht nur durch gro­ße Ent­schei­dun­gen. Sie kann auch auf einer sehr basa­len Ebe­ne ent­ste­hen.

Ein Bei­spiel: Frau Gloß sitzt regungs­los am Tisch. Ihre Hän­de lie­gen inein­an­der ver­schränkt. Auf Anspra­che reagiert sie kaum. Der Hel­fer kann die Auf­merk­sam­keit in die­sem Fall auf eine klei­ne, rea­li­sier­ba­re Hand­lung rich­ten: „Frau Gloß, möch­ten Sie sich anders hin­set­zen? Ist der Stuhl so in Ord­nung?“ Die­se Fra­ge scheint unschein­bar. Doch sie for­dert eine mini­ma­le Ent­schei­dung. Viel­leicht rückt Frau Gloß den Stuhl ein Stück. Viel­leicht schüt­telt sie den Kopf. In bei­den Fäl­len geschieht etwas: Sie trifft eine Wahl.

Hand­lungs­spiel­räu­me ver­mit­teln Selbst­wirk­sam­keit

Selbst­wirk­sam­keit kann auch über kör­per­li­che Akti­vie­rung ent­ste­hen. „Möch­ten Sie das Fens­ter einen Spalt öff­nen?“ oder „Kön­nen Sie mir bit­te kurz sagen, wo das Glas steht?“ Sol­che Bit­ten sind kei­ne Ablen­kung. Sie sind bewuss­te Ange­bo­te zur Betei­li­gung. Wich­tig ist dabei die inne­re Hal­tung der Hel­fen­den. Es geht nicht dar­um, Betrof­fe­ne zu beschäf­ti­gen oder sie „in Gang zu brin­gen“. Es geht dar­um, ihnen Hand­lungs­spiel­räu­me zurück­zu­ge­ben, die durch den Todes­fall inner­lich blo­ckiert wur­den.

Man­che Hel­fen­de nei­gen – aus Mit­ge­fühl – dazu, mög­lichst viel zu über­neh­men und Hin­ter­blie­be­ne zu ent­las­ten: Sie spre­chen, orga­ni­sie­ren und regeln. Kurz­fris­tig ent­las­tet das tat­säch­lich. Doch beim Hin­ter­blie­be­nen kann es unge­wollt die inne­re Bot­schaft ver­stär­ken: „Ich kann gera­de selbst nichts machen.“ Pro­fes­sio­nel­le Beglei­tung bedeu­tet hier oft Zurück­hal­tung. Einen Moment län­ger war­ten. Eine Fra­ge stel­len statt han­deln. Ein Ange­bot machen statt über­neh­men.

Mög­li­cher­wei­se fühlt sich Frau Gloß über­for­dert von dem Gedan­ken, ihren Bru­der anzu­ru­fen und von dem Todes­fall zu berich­ten. Sie fragt die Hel­fen­den: „Kön­nen Sie bit­te mei­nen Bru­der anru­fen und ihn fra­gen, ob er kom­men kann?“

In der Regel ist es sinn­voll, die­ser Bit­te nicht nach­zu­kom­men. Es zu tun, wür­de bedeu­ten, die Hin­ter­blie­be­ne in ihrer gefühl­ten Hilf­lo­sig­keit zu belas­sen und die­ses Gefühl womög­lich sogar noch zu ver­stär­ken.

Über­mit­teln der Todes­nach­richt schafft Rea­li­tät

Die Todes­nach­richt am Tele­fon zu über­brin­gen, kann für sie auch aus einem zwei­ten Grund hilf­reich sein. Solan­ge ein Todes­fall nur gedacht oder gehört wur­de, bleibt er für vie­le Men­schen inner­lich noch ein Stück weit unwirk­lich. Die Rea­li­tät ist zwar kogni­tiv bekannt, aber emo­tio­nal oft noch nicht voll­stän­dig inte­griert.

In dem Moment jedoch, in dem Frau Gloß aus­spricht: „Mein Mann ist gestor­ben“, geschieht etwas Ent­schei­den­des. Frau Gloß wird nicht nur Emp­fän­ge­rin der Nach­richt, son­dern auch Über­brin­ge­rin der Rea­li­tät. Das Aus­spre­chen macht die Situa­ti­on in gewis­ser Wei­se ver­bind­li­cher. Vie­le Betrof­fe­ne berich­ten spä­ter, dass sich der Tod in genau die­sem Moment „wirk­lich“ ange­fühlt habe.

Das ist unter ande­rem ein Grund, war­um man­che Hin­ter­blie­be­ne zögern, bevor sie den Hörer in die Hand neh­men. Nicht nur, weil sie nicht wis­sen, was genau sie sagen sol­len, nicht nur, weil sie Angst vor der Reak­ti­on des ande­ren haben, son­dern auch, weil sie selbst spü­ren: Wenn ich es aus­spre­che, wird es end­gül­tig.

Das Zögern vor einem sol­chen Tele­fo­nat ist also nicht zwin­gend ein Zei­chen man­geln­der Ent­schlos­sen­heit oder Orga­ni­sa­ti­ons­fä­hig­keit, son­dern unter Umstän­den (auch) Aus­druck eines inne­ren Anpas­sungs­pro­zes­ses. Hin­ter­blie­be­ne ste­hen an der Schwel­le zwi­schen zwei inne­ren Zustän­den: dem noch teil­wei­se unwirk­li­chen Erle­ben des Gesche­hens und der begin­nen­den Aner­ken­nung der Rea­li­tät.

Hel­fen­de kön­nen Hin­ter­blie­be­ne behut­sam unter­stüt­zen – etwa indem sie mit der Hin­ter­blie­be­nen gemein­sam über­le­gen, wel­che ers­ten Sät­ze sie bei dem Tele­fo­nat sagen möch­te („Ich habe eine schlim­me Nach­richt“, „Es ist etwas Trau­ri­ges gesche­hen.“) oder anbie­ten, beim Tele­fo­nat in der Nähe zu blei­ben.

Auch Lob stärkt die Selbst­wirk­sam­keit

Es gibt jedoch noch wei­te­re Mög­lich­kei­ten, die Selbst­wirk­sam­keit zu stär­ken. Laut Bandu­ra (1977) ist eine Mög­lich­keit, die Betrof­fe­nen ver­bal zu ermu­ti­gen. Wenn Frau Gloß ihre Ange­hö­ri­gen tele­fo­nisch über den Todes­fall infor­miert hat und vor­her unsi­cher war, kann ein anschlie­ßen­des „Das haben Sie gut gemacht“ dabei hel­fen, die Selbst­wirk­sam­keit zu erhö­hen.

Auch die soge­nann­te „stell­ver­tre­ten­de Erfah­rung“ kann hel­fen. Sie beruht dar­auf, dass sich Men­schen oft an ande­ren ori­en­tie­ren. Blei­ben wir bei dem Bei­spiel, dass es einem Hin­ter­blie­be­nen schwer­fällt, einen Ange­hö­ri­gen tele­fo­nisch über den Todes­fall zu infor­mie­ren. Ein Hel­fer kann in die­sem Moment sagen: „Vie­le in Ihrer Situa­ti­on tun sich schwer, die Ange­hö­ri­gen zu infor­mie­ren.“ Sol­che Aus­sa­gen wir­ken indi­rekt. Sie zei­gen Hin­ter­blie­be­nen, dass ihre Reak­ti­on nicht unge­wöhn­lich ist und dass ande­re Men­schen ähn­li­che Situa­tio­nen bewäl­tigt haben. Dadurch ent­steht die Zuver­sicht, dass die Betrof­fe­nen selbst auch han­deln und die Situa­ti­on meis­tern kön­nen.

Wor­an lässt sich erken­nen, dass die Selbst­wirk­sam­keit zurück­kehrt?

Oft in klei­nen Ver­än­de­run­gen: Die betrof­fe­ne Per­son beginnt wie­der damit, Ich-Sät­ze zu for­mu­lie­ren. Sie rich­tet sich kör­per­lich auf. Sie schlägt selbst etwas vor. Sie bit­tet aktiv um Unter­stüt­zung, statt pas­siv zu reagie­ren.

Die­se Zei­chen bedeu­ten nicht, dass die Ohn­macht ver­schwun­den ist. Sie zei­gen ledig­lich, dass neben der Ohn­macht wie­der Hand­lung mög­lich wird. In einer Situa­ti­on, die in ihrem Kern nicht kon­trol­lier­bar ist, ent­steht so zumin­dest ein Bereich, der wie­der beein­fluss­bar erscheint.

Sei­te 8/14

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