Skip to content
  •  

Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

  • Hand­buch
    • Online-Ver­­­si­on
    • PDF / Down­load
    • Print-Ver­­­si­on
  • Pra­xis-Mate­ri­al
    • Nach dem Tod – eine Ori­en­tie­rungs­hil­fe
  • Emp­feh­lun­gen
  • Aktu­el­les
  • Fort­bil­dun­gen
  • Akut­hil­fe im Not­fall
  • News­let­ter
  • Über mich

Struk­tur und Ord­nung ver­mit­teln

Ein Todes­fall erschüt­tert auch die inne­re Ord­nung. Das, was eben noch selbst­ver­ständ­lich war – der nächs­te Ter­min, das gemein­sa­me Abend­essen, die mor­gi­ge Pla­nung – ist mit einem Schlag bedeu­tungs­los gewor­den. Des­halb geht es in der Akut­be­treu­ung auch dar­um, wie­der eine Struk­tur her­zu­stel­len und Ori­en­tie­rung zu ermög­li­chen. Nicht im gro­ßen Gan­zen, son­dern in klei­nen, über­schau­ba­ren Schrit­ten. Ori­en­tie­rung bedeu­tet, aus einem dif­fu­sen Erle­ben wie­der klei­ne, nach­voll­zieh­ba­re Schrit­te zu machen.

Drei Ele­men­te sind dabei zen­tral:

Auf die Gegen­wart kon­zen­trie­ren

Men­schen in aku­ter Belas­tung ver­su­chen oft, alles gleich­zei­tig zu erfas­sen: Was ist pas­siert? Wie konn­te das gesche­hen? Was wird mor­gen sein? Wie soll ich das schaf­fen? Wer muss infor­miert wer­den? Wie geht es wei­ter? Die­se gedank­li­che Über­flu­tung ver­stärkt das Gefühl von Kon­troll­ver­lust.

Hel­fen­de kön­nen Hin­ter­blie­be­ne unter­stüt­zen, indem sie an die­ser Stel­le einen zeit­li­chen und inhalt­li­chen Rah­men set­zen und erklä­ren, dass es Din­ge gibt, die jetzt noch nicht ent­schie­den wer­den müs­sen, weil sie aktu­ell noch nicht wich­tig sind. Ein Hin­weis wie „Sie müs­sen noch nicht alles klä­ren heu­te. Die Ent­schei­dung über die Beer­di­gung und wen Sie ein­la­den wol­len, hat Zeit“, wird Frau Gloß sicher­lich ent­las­ten. Er nimmt zeit­li­chen Druck her­aus.

Die­se Kon­zen­tra­ti­on auf die Gegen­wart wirkt, weil sie die Auf­merk­sam­keit der Betrof­fe­nen ver­schiebt – weg von dem, was alles nach dem Todes­fall ansteht, hin zu dem, was im Moment wich­tig ist. Das Gefühl des „Alles bricht über mir zusam­men“ weicht. An des­sen Stel­le tritt ein kla­rer Rah­men, in dem sich die Betrof­fe­nen bewe­gen kön­nen. Die Wir­kung zeigt sich manch­mal unmit­tel­bar – durch einen kla­re­ren Blick und Äuße­run­gen wie „okay“.

Prio­ri­sie­ren – den nächs­ten Schritt sicht­bar machen

Vie­le Hin­ter­blie­be­ne sind von einem Todes­fall so über­wäl­tigt, dass für sie die Fra­ge „Was ist jetzt am Wich­tigs­ten?“ oft zu groß und über­for­dernd ist. Ist der Rah­men auf die Gegen­wart ein­ge­grenzt, braucht es des­halb einen nächs­ten kon­kre­ten Schritt. Nicht zehn. Nicht fünf. Einen.

Die Auf­ga­be der Hel­fen­den besteht nicht dar­in, Hin­ter­blie­be­nen die Prio­ri­sie­rung abzu­neh­men und ihnen zu sagen, was nun als nächs­tes zu tun sei. Ihre Auf­ga­be ist es viel­mehr, die Betrof­fe­nen bei der Prio­ri­sie­rung zu unter­stüt­zen. Frau Gloß soll selbst ent­schei­den, wel­chen Schritt sie als nächs­tes gehen will. Dabei kön­nen ihr Fra­gen hel­fen wie: „Möch­ten Sie jeman­den infor­mie­ren?“ oder „Sol­len wir zuerst Ihre Toch­ter anru­fen – oder möch­ten Sie einen Moment für sich?“

Mit ande­ren Wor­ten: Aus Sicht der Hel­fen­den bedeu­tet Prio­ri­sie­ren, die Aus­wahl über­schau­bar zu machen.

Hat sich die Hin­ter­blie­be­ne ent­schie­den, was sie als nächs­tes machen möch­te, ist auch hier mög­li­cher­wei­se Unter­stüt­zung nötig. Ein Bei­spiel: Frau Gloß möch­te ihren Bru­der anru­fen, fin­det die Num­mer aber nicht. Sie wirkt plötz­lich fah­rig, durch­sucht Schub­la­den, wirkt gereizt. Die Hel­fe­rin kann sich neben sie set­zen und ruhig sagen: „Wir suchen die Num­mer jetzt gemein­sam. Neh­men Sie sich Zeit.“

Wenn Hin­ter­blie­be­ne jeman­den anru­fen, wis­sen sie manch­mal nicht, was sie am Tele­fon sagen sol­len, oder sie sind unsi­cher, wel­che Bit­ten sie for­mu­lie­ren kön­nen, ohne von dem ande­ren zu viel zu erwar­ten. Ist es in Ord­nung, den ande­ren zu bit­ten, vor­bei­zu­kom­men? All das sind Din­ge, die vor dem Tele­fo­nat durch­ge­spro­chen wer­den kön­nen.

Das sind klei­ne Schrit­te – aber sie stel­len Hand­lungs­fä­hig­keit her. Wenn die­se Inter­ven­ti­on greift, mer­ken Hel­fen­de das oft dar­an, dass Hin­ter­blie­be­ne begin­nen, selbst Vor­schlä­ge zu machen: „Viel­leicht soll­te ich auch noch …“ In die­sem Moment kehrt ein Stück Selbst­steue­rung zurück.

Ver­an­kern – Halt im Zwi­schen­mensch­li­chen schaf­fen

In aku­ten Belas­tungs­si­tua­tio­nen ver­än­dert sich häu­fig die Wahr­neh­mung. Hin­ter­blie­be­ne berich­ten, dass sich Minu­ten wie Stun­den anfüh­len – oder umge­kehrt. Man­che sagen: „Ich weiß gar nicht, wel­cher Tag heu­te ist.“ Daher ist es wich­tig, Betrof­fe­nen zu hel­fen, sich wie­der im Hier und Jetzt zu ver­an­kern – also wie­der ein Gespür für Raum und Zeit zu bekom­men.

Der Kör­per spielt dabei eine zen­tra­le Rol­le. Men­schen, die unter Schock ste­hen, sit­zen oft regungs­los oder bewe­gen sich fah­rig. Eine ruhi­ge Ein­la­dung zu einer klei­nen, kla­ren Hand­lung – etwa sich hin­zu­set­zen oder ein Glas Was­ser in die Hand zu neh­men – kann hel­fen, wie­der Kon­takt zum eige­nen Kör­per auf­zu­neh­men.

Räum­li­che Ori­en­tie­rung kann bei­spiels­wei­se her­ge­stellt wer­den, indem der Raum gewech­selt wird. In unse­rem Bei­spiel sind wir bei Frau Gloß zu Hau­se. In sol­chen Fäl­len ergibt es sich oft von selbst, dass Hel­fen­de und Hin­ter­blie­be­ne sich über die Zeit hin­weg in ver­schie­de­nen Räu­men der Woh­nung befin­den. Der ver­stor­be­ne Mann von Frau Gloß liegt im Schlaf­zim­mer, ein Teil des Gesprächs fin­det in der Küche statt, wie­der ein ande­rer im Wohn­zim­mer. Das kön­nen Hel­fen­de bei Bedarf nut­zen und – wo es passt und nötig ist – einen Raum­wech­sel vor­schla­gen: „Wol­len wir uns ins Wohn­zim­mer set­zen?“

Manch­mal wol­len Hin­ter­blie­be­ne den Hel­fen­den etwas von dem Ver­stor­be­nen zei­gen – bei­spiels­wei­se eine Samm­lung, die sich in einem ande­ren Raum oder im Kel­ler befin­det. Sich die­se Samm­lung zei­gen zu las­sen, ist eine wei­te­re Mög­lich­keit, den Raum zu wech­seln.

Auch die zeit­li­che Ver­an­ke­rung ist bedeut­sam. Sie kann geför­dert wer­den durch Aus­sa­gen wie: „Der Bestat­ter wird in etwa einer Stun­de kom­men.“ oder „Wir blei­ben noch hier, bis Ihre Toch­ter da ist.“ Ver­an­kern heißt auch, Über­gän­ge zu mar­kie­ren. Wenn Hel­fen­de den Ein­satz been­den, kann ein kla­rer Abschluss­satz wich­tig sein: „Wir gehen jetzt. Ihr Bru­der bleibt bei Ihnen.“ Ohne sol­che Mar­kie­run­gen ent­steht leicht ein erneu­tes Gefühl von Halt­lo­sig­keit.

Wor­an zeigt sich, dass Ver­an­ke­rung wirkt?

Man­che Hin­ter­blie­be­ne begin­nen wie­der, ihre Umge­bung bewuss­ter wahr­zu­neh­men. Sie stel­len kon­kre­te Fra­gen: „Wann genau kommt der Bestat­ter?“ Sie schau­en auf die Uhr. Sie grei­fen selbst zum Glas Was­ser. Das sind klei­ne Zei­chen dafür, dass sich Wahr­neh­mung und Ori­en­tie­rung sta­bi­li­sie­ren.

Ver­an­kern ist kein spek­ta­ku­lä­rer Akt. Es ist ein behut­sa­mes Wie­der­her­stel­len von Koor­di­na­ten: Hier. Jetzt. Mit wem? Wie lan­ge?

In einer Situa­ti­on maxi­ma­ler Erschüt­te­rung kann genau das den Unter­schied machen.

Am Ende geht es nicht um per­fek­te Orga­ni­sa­ti­on. Es geht dar­um, in einer Situa­ti­on, die als chao­tisch erlebt wird, wie­der klei­ne Inseln von Klar­heit zu schaf­fen. Ein nächs­ter Schritt. Eine über­schau­ba­re Auf­ga­be. Eine zeit­li­che Ein­ord­nung. Aus vie­len klei­nen Ori­en­tie­run­gen ent­steht all­mäh­lich wie­der ein Gefühl von Struk­tur und Ord­nung.

Sei­te 7/14

← Zurück
Inhalts­ver­zeich­nis
Wei­ter →

Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Cookie-Einstellungen | Impressum | Kontakt

© Andreas Neubrech, 2026