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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Wider­sprüch­li­che Gefüh­le nach einem Todes­fall

Die frü­he Pha­se nach einem Todes­fall ist häu­fig von emo­tio­na­ler Ambi­va­lenz geprägt. Hin­ter­blie­be­ne erle­ben häu­fig wider­sprüch­li­che Gefüh­le, die neben­ein­an­der bestehen oder sich rasch abwech­seln. Inten­si­ve Trau­rig­keit kann inner­halb kur­zer Zeit von Momen­ten inne­rer Lee­re abge­löst wer­den, Ver­zweif­lung kann neben sach­li­chem Funk­tio­nie­ren ste­hen. Man­che Betrof­fe­ne berich­ten zusätz­lich von Schuld­ge­füh­len, Ärger, Vor­wür­fen oder – ins­be­son­de­re nach lan­gen Krank­heits­ver­läu­fen – auch von Erleich­te­rung.

Bereits Lin­de­mann (1944) beschrieb in sei­ner Unter­su­chung aku­ter Trau­er­re­ak­tio­nen ein brei­tes Spek­trum emo­tio­na­ler Zustän­de, dar­un­ter Schuld­ge­füh­le, Reiz­bar­keit und feind­se­li­ge Impul­se. Sei­ne Beob­ach­tun­gen zei­gen, dass frü­he Trau­er kei­nes­wegs ein­heit­lich ver­läuft, son­dern kom­ple­xe und teils wider­sprüch­li­che Gefüh­le umfasst. Selbst schein­bar „unpas­sen­de“ Reak­tio­nen – etwa ein Lächeln, ein kur­zer Moment der Erleich­te­rung oder das Bedürf­nis, sich orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­ga­ben zuzu­wen­den – schlie­ßen Betrof­fen­heit nicht aus.

In der Pra­xis kön­nen sol­che Wech­sel für Hel­fen­de irri­tie­rend sein. Eine Per­son kann zunächst wei­nen, kur­ze Zeit spä­ter ruhig tele­fo­nie­ren und danach erneut emo­tio­nal ein­bre­chen. Ande­re wir­ken kon­trol­liert und sach­lich, reagie­ren jedoch emp­find­lich auf klei­ne Aus­lö­ser. Auch die­se Dyna­mik ist Aus­druck eines inne­ren Anpas­sungs­pro­zes­ses und kein Hin­weis auf man­geln­de Trau­er oder eine feh­len­de Bin­dung.

Kogni­ti­ve Ein­schrän­kun­gen

In den ers­ten Stun­den nach einem Todes­fall berich­ten vie­le Hin­ter­blie­be­ne von einer ein­ge­schränk­ten Auf­nah­me- und Ver­ar­bei­tungs­fä­hig­keit. Infor­ma­tio­nen wer­den nur teil­wei­se ver­stan­den, Gesprächs­in­hal­te gehen ver­lo­ren oder kön­nen kur­ze Zeit spä­ter nicht mehr erin­nert wer­den. Man­che Betrof­fe­ne beschrei­ben das Gefühl, „wie bene­belt“ zu sein oder Gedan­ken nicht zu Ende füh­ren zu kön­nen. Ent­schei­dun­gen erschei­nen über­for­dernd, selbst wenn sie objek­tiv über­schau­bar sind.

Sol­che kogni­ti­ven Ein­schrän­kun­gen sind Aus­druck einer aku­ten Stress­re­ak­ti­on. Die inter­na­tio­na­le Klas­si­fi­ka­ti­on von Krank­hei­ten, ICD-11, beschreibt bei einer aku­ten Belas­tungs­re­ak­ti­on unter ande­rem eine Ein­engung der Auf­merk­sam­keit, Des­ori­en­tie­rung und eine vor­über­ge­hen­de Beein­träch­ti­gung der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung (World Health Orga­niza­ti­on, 2019).

Auch neu­ro­bio­lo­gi­sche For­schung zeigt, dass star­ker emo­tio­na­ler Stress die Funk­ti­on des prä­fron­ta­len Cor­tex vor­über­ge­hend beein­träch­ti­gen kann. Die­ser Hirn­be­reich ist wesent­lich an Pla­nung, Impuls­kon­trol­le, Ent­schei­dungs­pro­zes­sen und am Arbeits­ge­dächt­nis betei­ligt. Unter hoher Stress­be­las­tung ver­schiebt sich die Akti­vi­tät hin zu evo­lu­tio­när älte­ren, schnell reagie­ren­den Sys­te­men, wäh­rend dif­fe­ren­zier­te, abwä­gen­de Denk­pro­zes­se redu­ziert wer­den (Arns­ten, 2009). Kom­ple­xe Infor­ma­tio­nen zu struk­tu­rie­ren oder meh­re­re Hand­lungs­schrit­te gleich­zei­tig zu über­bli­cken, fällt in die­ser Pha­se ent­spre­chend schwer.

Stress­hor­mo­ne hem­men Gedächt­nis­pro­zes­se

Hin­zu kommt, dass aku­ter Stress mit einer erhöh­ten Aus­schüt­tung von Stress­hor­mo­nen ein­her­geht. Die­se beein­flus­sen Gedächt­nis­pro­zes­se und kön­nen dazu füh­ren, dass neu erhal­te­ne Infor­ma­tio­nen weni­ger sta­bil gespei­chert wer­den (McE­wen, 2007). Dass Hin­ter­blie­be­ne sich spä­ter nicht mehr an Details eines Gesprächs erin­nern kön­nen, ist daher kein Aus­druck man­geln­den Inter­es­ses oder feh­len­der Koope­ra­ti­on, son­dern eine erwart­ba­re phy­sio­lo­gi­sche Reak­ti­on.

In der Pra­xis zeigt sich die­se ein­ge­schränk­te kogni­ti­ve Leis­tungs­fä­hig­keit auf unter­schied­li­che Art und Wei­se. Man­che Betrof­fe­ne stel­len wie­der­holt die­sel­ben Fra­gen. Ande­re nicken zustim­mend, ohne den Inhalt des Gehör­ten erfasst zu haben. Wie­der ande­re ver­mei­den Ent­schei­dun­gen oder wir­ken unschlüs­sig, selbst bei ein­fa­chen orga­ni­sa­to­ri­schen Fra­gen.

Stress ver­än­dert Wahr­neh­mung

Vie­le Hin­ter­blie­be­ne berich­ten auch von Ver­än­de­run­gen ihrer Wahr­neh­mung. Man­che erle­ben die Situa­ti­on wie in Zeit­lu­pe, ande­re haben den Ein­druck, alles gesche­he rasend schnell. Geräu­sche kön­nen gedämpft oder – im Gegen­teil – beson­ders inten­siv wahr­ge­nom­men wer­den. Ein­zel­ne Details – etwa der Klang einer Stim­me oder ein bestimm­ter Satz – bren­nen sich ein, wäh­rend ande­re Aspek­te der Situa­ti­on spä­ter völ­lig ver­ges­sen wor­den sind.

Sol­che Ver­än­de­run­gen sind typi­sche Begleit­erschei­nun­gen aku­ter Stress­re­ak­tio­nen. Die Auf­merk­sam­keit ver­engt sich auf ein­zel­ne Rei­ze, wäh­rend ande­res aus­ge­blen­det wird. Die ICD-11 beschreibt im Zusam­men­hang mit aku­ten Belas­tungs­re­ak­tio­nen unter ande­rem eine Ein­engung der Wahr­neh­mung und der Auf­merk­sam­keit (World Health Orga­niza­ti­on, 2019). Neu­ro­bio­lo­gisch lässt sich die­ses Phä­no­men als Teil einer Stress­ant­wort ver­ste­hen, bei der der Orga­nis­mus auf unmit­tel­ba­re Rei­ze fokus­siert und kom­ple­xe­re, dif­fe­ren­zie­ren­de Ver­ar­bei­tungs­pro­zes­se redu­ziert wer­den (Arns­ten, 2009).

In der Pra­xis kann dies dazu füh­ren, dass Hin­ter­blie­be­ne sich an bestimm­te Details sehr genau erin­nern – etwa an die Posi­ti­on des Leich­nams oder an ein­zel­ne Wor­te – wäh­rend der zeit­li­che Ablauf ins­ge­samt ver­schwimmt.

Sei­te 3/14

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