Generell haben Menschen das Grundbedürfnis, Kontrolle über sich und einen Einfluss auf ihr unmittelbares Umfeld zu haben (Jahoda, 1995). Deshalb ist es für manche Menschen kaum oder nicht vorstellbar, in einen Aufzug zu steigen. Sie fühlen sich hilflos für den Fall, dass er steckenbleibt. Ebenso verweigern manche Menschen, ein Flugzeug zu betreten und verweisen darauf, dass sie nichts machen könnten, sollte es abstürzen. Allein die Vorstellung, in eine Situation zu geraten, in der diese Menschen keine Kontrolle mehr über ihr Umfeld haben, reicht unter Umständen also schon aus, dass sie sich unwohl fühlen und diese Situationen vermeiden.
Suche nach Halt
Diese Vermeidungsstrategie greift nicht mehr, wenn ein belastendes Ereignis bereits eingetreten ist. Wenn ein Mensch in einen tödlichen Unfall verwickelt wurde oder einen nahen Angehörigen verloren hat, ist diese Situation unveränderbare Realität. So sehr sich der Betroffene auch wünscht, das Geschehene ungeschehen machen zu können: Es geht nicht. Dieser Fakt löst in vielen Menschen das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit aus – ein Gefühl, das zum Trauma werden kann und das die spätere Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung begünstigt (Frommberger et al., 1998).
Viele Betroffene versuchen daher unbewusst einen ersten Halt zu finden, indem sie sich versuchen zu erklären, wie es zu dieser Situation kam: Wie ist der Unfall passiert? Warum hat sich der Ehemann umgebracht? Wieso liegt das Baby auf einmal tot in seinem Bettchen?
Die Antworten auf diese Fragen sind oft zu komplex, um sie direkt und treffsicher geben zu können. Das widerspricht der Funktionsweise des menschlichen Gehirns, das darauf programmiert ist, permanent die Ursachen für die gegenwärtigen Umstände zu suchen (Brenner, 2021).
Schuld als scheinbar logische Antwort
Hier kommen nun die Schuldgefühle ins Spiel. Sich selbst die Verantwortung für das zu geben, was passiert ist, liefert dem Betroffenen eine schnelle und für ihn schlüssige Erklärung. Der Unfall passierte, weil er nicht schnell genug gebremst hat. Der Mann nahm sich das Leben, weil die Frau ihn für einen Einkauf einen Moment aus den Augen gelassen hat. Das Baby lag tot im Bett, weil die Eltern nicht noch einmal nach ihm geschaut haben, bevor sie selbst ins Bett sind. Für die Betroffenen klingt das zunächst schlüssig. Das kann für sie ein erster Schritt sein, Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen.
Illusion der Vorhersagbarkeit
Das Schuldgefühl spielt jedoch nicht nur für die Gegenwart eine wichtige Rolle, sondern auch für die Zukunft. Ein (unbewusster) Gedanke, der oft dahintersteckt: Wer schuld an etwas ist, kann sein Verhalten in Zukunft ändern und wird dann nicht mehr in eine solche Situation geraten. Sprich: Der Autofahrer wird sich sagen, dass er künftig schneller und stärker bremsen kann und dann nicht mehr in einen Unfall verwickelt wird. Aus diesem Wunsch nach Kontrolle heraus entwickeln beispielsweise auch viele Frauen, die Opfer häuslicher sexualisierter Gewalt werden, Schuldgefühle (Jelinski, 2012). Sie entwickeln so die Illusion, dass sie künftig ihr Verhalten ändern und dadurch nicht mehr Opfer ihres gewalttätigen Partners werden.
Die Schuldgefühle können also helfen, die Kontrolle und die Vorhersagbarkeit von künftigen Ereignissen wiederzustellen (Ehlers, 1999; Janoff-Bulman, 1992). Die eigenen Handlungsmöglichkeiten werden dabei in diesem Moment völlig überbewertet. In diesem Zusammenhang kommt es oft zu einem Denkfehler: Der Betroffene denkt, er hätte unmittelbar vor der belastenden Situation anders handeln müssen und hätte sie dadurch vermeiden können. Dabei bezieht er Wissen mit ein, das er erst nach der belastenden Situation erlangte (Ehlers, 1999). Ein Beispiel, das erfahrene Kriseninterventionshelfer sicherlich so oder so ähnlich kennen: Nach einem tödlichen Verkehrsunfall sagt der Fahrer: „Ich hätte wissen müssen, dass da von links ein Motorrad auf die Kreuzung schießen könnte.“ Aber woher sollte er das wissen? Und hätte er es gewusst, wäre er sicherlich anders gefahren.