Schuld. Was ist das? Bevor wir uns näher mit dieser Frage befassen, habe ich eine Bitte an Sie: Nehmen Sie sich einen kleinen Moment Zeit und überlegen Sie sich, wie Sie einem anderen Menschen dieses Wort erklären würden. Und haben Sie dabei bitte im Hinterkopf, dass die naheliegendste Erklärung nicht unbedingt die beste sein muss.
Haben Sie eine Erklärung gefunden? Oder haben Sie sich schwer damit getan? Letzteres würde mich nicht überraschen, denn bei genauer Betrachtung ist es schwierig, eine allgemeingültige Definition zu finden.
Der Duden (1985) erklärt Schuld mit den Worten: „das Verantwortlichsein für einen unheilvollen, strafwürdigen, bestimmten Geboten o. ä. zuwiderlaufenden Vorgang“ [Hervorhebung im Original]. Darunter würde zum Beispiel das geplante und vorsätzliche Töten eines anderen Menschen fallen – ein Mord.
Schuld: Unterschiedliche Erklärungsansätze
Doch ist tatsächlich jeder, der einen anderen Menschen tötet, schuldig? Dieser Frage geht unter anderem Ferdinand von Schirach in seinem fiktiven Theaterstück „Terror“ (2016) nach. Darin kapert ein Terrorist ein vollbesetztes Flugzeug und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Fußballarena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, um das Leben von den 70.000 Menschen in der Arena zu retten. Doch durch seine Entscheidung und sein Handeln sterben alle Passagiere im Flugzeug. Der Pilot muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Ist er schuldig? Hat er gemordet? Oder hätte er sich eher schuldig gemacht, wenn er nicht geschossen hätte und 70.000 Menschen in der Arena ums Leben gekommen wären? Genau diese Diskussion führt von Schirach in diesem Theaterstück.
Länder bewerten Schuld unterschiedlich
Ein anderes Beispiel: Vorsätzliches Töten ist kraft Gesetzes meines Wissens in allen Ländern dieser Erde verboten. Aber es gibt in vielen Ländern Ausnahmen. Ein Henker, der beispielsweise in den USA einen zum Tode verurteilten Menschen hinrichtet, tötet – geplant und vorsätzlich. Macht er sich schuldig? In Deutschland wäre seine Tat nicht denkbar, da die Todesstrafe hier verboten ist.
Dieses Beispiel deutet an: Schuld ist möglicherweise auch eine regionale Frage. Deutlich wird das auch beim Thema Sterbehilfe, das viele Länder juristisch unterschiedlich bewerten. Während in Deutschland aktive Sterbehilfe verboten ist, ist sie in Belgien, der Schweiz, Luxemburg und den Niederlanden (unter bestimmten Umständen) erlaubt. Die juristische Schuldfrage hängt also davon ab, in welchem Land ein Arzt einem Menschen auf dessen Wunsch ein tödliches Medikament verabreicht, um dessen Leben zu beenden. Schuld lässt sich also offenbar nicht global definieren.
Wer entscheidet über Schuld?
Eine andere Strategie, Schuld zu definieren, legt die Entscheidung in die Hände von Richtern. Wenn sie einen Angeklagten verurteilen, ist er schuldig, im Falle eines Freispruchs nicht. Die Idee dieser Definition ist juristisch sicherlich nachvollziehbar. Aber dabei sollte nicht übersehen werden, dass es immer wieder auch zu Urteilen kommt, in denen Unschuldige fälschlicherweise verurteilt werden. Was ist mit Verbrechern, die mangels Beweisen freigesprochen werden oder erst gar nicht erst überführt werden und folglich nicht vor Gericht stehen? Sind sie unschuldig?
All das sind Fragen, die sicherlich abendfüllend lebhaft diskutiert werden können. Es ist nicht das Ziel, sie an dieser Stelle abschließend zu beantworten. Die Gedankenexperimente sollen vielmehr im Umgang mit dem Begriff „Schuld“ sensibilisieren und verdeutlichen, wie schwierig es ist, Schuld objektiv zu fassen.
Für die Krisenintervention ist es deshalb wichtig, zwei Aspekte der Schuld voneinander zu trennen. Damit kommen zwei Begriffe ins Spiel, die greifbarer werden und daher im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes verwendet werden sollen.