Unabhängig von der hohen Zahl, die Selbsttötungen ausmachen, kommt dem Suizid auch in seiner Intensität eine besondere Bedeutung zu. Die Hinterbliebenen haben unter dieser Todesform oft mehr zu
leiden als andere Hinterbliebene.
Bei einer ersten Betrachtung hat der Suizid viele Schnittmengen mit anderen Todesformen, vor allem mit denen eines tödlichen Verkehrsunfalls:
- Für die meisten Hinterbliebenen kommt der Suizid überraschend. Damit haben sie keine Möglichkeit, sich auf den Tod des Suizidenten vorzubereiten.
- Der Suizid trifft die Hinterbliebenen oft Mitten im Leben. Manchmal sind am Abend vorher noch gemeinsame Pläne geschmiedet worden, etwa Verabredungen mit Freunden oder ein gemeinsamer Urlaub.
- Suizide sind oft gewaltsame Tode, zum Beispiel wenn sich Menschen erhängen, sich die Pulsadern aufschneiden, erschießen oder in die Tiefe springen. Vor allem, wenn der Suizid zu Hause vollzogen wird, sind es oft die nächsten Angehörigen, die den Toten finden und damit eine Situation vorfinden, die sich tief in die Erinnerung gräbt.
Verabschiedung mitunter nicht möglich
- Je nach dem Zustand des Toten kann eine Verabschiedung erschwert oder zunächst auch unmöglich gemacht werden – etwa nach einem Suizid mit der Bahn. Die fehlende Möglichkeit für Hinterbliebene, sich in Ruhe und Würde von dem Toten zu verabschieden, hemmt oft den Trauerprozess und zögert ihn hinaus. Menschen begreifen oft besser, dass ein Angehöriger gestorben ist, wenn sie ihn tot gesehen haben. Das macht den Tod greifbar und realistisch. Diese Chance fehlt Suizidhinterbliebenen mitunter.
- Auch wenn der Körper des Verstorbenen nicht wesentlich entstellt ist, handelt es sich bei einem Suizid um eine nichtnatürliche Todesursache (Madea & Rothschild, 2010). Das hat zur Folge, dass die Polizei nach § 159 Strafprozessordnung den Leichnam beschlagnahmt (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, 2019b). Die Kriminalpolizei lässt den Körper untersuchen, um festzustellen, ob es sich tatsächlich um einen Suizid oder vielleicht sogar um einen Mord handelt. Durch die Beschlagnahmung bleibt oft keine oder nur wenig Zeit zur Verabschiedung. Die Angehörigen haben, so lange die Staatsanwaltschaft die Leiche nicht wieder freigibt, damit auch in den kommenden Tagen keine Möglichkeit, den Toten zu sehen, um sich zu verabschieden. Viele empfinden das als belastend.
Hinterbliebene haben oft Schuldgefühle
Was beim Suizid – in Abgrenzung zu anderen Todesarten – eine deutlich größere Rolle spielt, sind Schuldgefühle (Andreatta & Unterluggauer, 2012). Hinterbliebene machen sich häufig Vorwürfe unterschiedlicher Art und Intensität.
So äußern sie häufig Sätze wie:
- „Ich hätte es wissen müssen. Er hat sich in den vergangenen Tagen so komisch verhalten.“
- „Was habe ich falsch gemacht, damit er sich mir mit seinen Sorgen nicht anvertraut hat?“
- „Ich hätte ihn nicht allein lassen dürfen. Wäre ich nicht einkaufen gegangen, hätte er sich nicht das Leben nehmen können.“
- „Ich habe ihm gesagt, dass ich mich von ihm trennen will. Deshalb hat er sich umgebracht.“
- „Ich bin schuld.“
Mitunter kann es auch sein, dass dem Suizid eine gewisse Entwicklung vorausging. Der Suizident könnte sein Vorhaben angekündigt, der Hinterbliebene diese Worte aber nicht ernst genommen haben oder sich dadurch erpresst gefühlt haben (Andreatta & Unterluggauer, 2012).
Die Herausforderung des Kriseninterventionshelfers liegt neben seinen üblichen Aufgaben im Umgang mit Hinterbliebenen auch im Umgang mit diesen Schuldgefühlen (siehe Kapitel „Schuld und Schuldgefühle“).
Hinterbliebene können Suizid als Niederlage empfinden
Darüber hinaus kann es sein, dass die Hinterblieben den Suizid ihres Angehörigen als eine Art eigenes Versagen empfinden. Das kann verschiedene Ursachen haben.
Wenn Suizidabsichten bekannt waren, haben es die Hinterbliebenen möglicherweise aus ihrer Wahrnehmung heraus nicht geschafft, den Betroffenen von seinem Suizid abzuhalten. Hinterbliebene können das als die größtmögliche Niederlage wahrnehmen, die ihnen widerfahren konnte.
Sollten die Suizidabsichten nicht offenkundig gewesen sein, können sich Hinterbliebene auch betrogen fühlen. Sie fragen sich womöglich, warum der Suizident ihnen nicht von seinen Sorgen erzählt hat. Sie zweifeln unter Umständen die Ehrlichkeit und Offenheit des Suizidenten ihnen gegenüber an. Das kann weit über die Tat hinausreichen bis hin zu Fragestellungen wie: „Wo in unserer Beziehung hat er mir denn sonst noch nicht vertraut?“
Diese Gedanken können Niedergeschlagenheit bei den Hinterbliebenen auslösen, aber auch Wut.