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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Kri­tisch hin­ter­fragt

Im Umgang mit Sui­zid­hin­ter­blie­be­nen gibt es Vor­ge­hens­wei­sen, die den Hin­ter­blie­be­nen in der Regel nicht hel­fen – viel­leicht sogar scha­den. Die­se Vor­ge­hens­wei­sen kom­men oft aus einer fal­schen Moti­va­ti­on her­aus gele­gent­lich trotz­dem zur Anwen­dung. Sie die­nen weni­ger dem Betrof­fe­nen, son­dern hel­fen statt­des­sen dem Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fer, mit der Situa­ti­on klar­zu­kom­men, weil sie ihn aus einer ver­meint­li­chen Hilf­lo­sig­keit her­aus­ho­len. Die­se Vor­ge­hens­wei­sen soll­ten also lie­ber unter­las­sen wer­den. Dazu gehö­ren:

  • Jeg­li­che Form der Inter­pre­ta­ti­on, etwa die Fra­gen betref­fend, war­um sich der Ver­stor­be­ne das Leben genom­men hat oder war­um er gera­de die­se Form des Sui­zids gewählt hat. Statt­des­sen kann der ehr­li­che Hin­weis hilf­reich sein, dass es im Fal­le eines Sui­zids auf offe­ne Fra­gen manch­mal kei­ne abschlie­ßen­den Ant­wor­ten gibt.
  • Soll­te der Hin­ter­blie­be­ne dem Sui­zi­den­ten Vor­wür­fe machen, soll­te der Hel­fer dies grund­sätz­lich akzep­tie­ren und den Ver­stor­be­nen nicht in Schutz neh­men im Sin­ne von „Das war sei­ne Ent­schei­dung und die soll­ten Sie akzep­tie­ren.“ Auch wenn dies nüch­tern betrach­tet rich­tig erscheint, emp­fin­det der Hin­ter­blie­be­ne direkt nach dem Tod anders. Die­se Emo­tio­nen soll­ten vom Hel­fer in die­sem ers­ten Schritt auf­ge­fan­gen und mit aus­ge­hal­ten wer­den. Die ers­ten Stun­den nach dem Tod sind meist nicht die rich­ti­gen für die Hin­ter­blie­be­nen, um zu ent­schei­den, wie sie den Tod des Ver­stor­be­nen ein­ord­nen. Das erfolgt oft erst Tage, Wochen, Mona­te oder manch­mal sogar Jah­re nach dem Sui­zid.

Umgang mit sich selbst

Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fer soll­ten nach einem Ein­satz, in dem es um Sui­zid geht, beson­ders acht­sam mit sich selbst sein. Über die obli­ga­to­ri­sche Ein­satz­nach­be­spre­chung hin­aus (geson­der­tes Kapi­tel dazu befin­det sich in Vor­be­rei­tung) soll­te er reflek­tie­ren, ob die Kon­fron­ta­ti­on mit der Selbst­tö­tung ggf. eige­ne Gedan­ken aus­löst. Schließ­lich sind auch Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fer Men­schen, die sich selbst in einem Tief befin­den kön­nen. Soll­te der Hel­fer durch die Refle­xi­on zu dem Schluss kom­men, dass er selbst sui­zi­da­le Gedan­ken hat, soll­te er das nicht ver­harm­lo­sen und sich unbe­dingt Hil­fe holen. Das kann in der eige­nen Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­grup­pe sein, aber auch beim Haus­arzt, der Tele­fon­seel­sor­ge oder wei­te­ren Anlauf­stel­len.

Nach einem Sui­zid bleibt bei Hin­ter­blie­be­nen, aber auch bei Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fern, manch­mal der Gedan­ke an die letz­ten Momen­te im Leben des Ver­stor­be­nen hän­gen. Sie stel­len sich vor, wie qual­voll der Tod gewe­sen oder wie ver­zwei­felt der Mensch in die­sen letz­ten Minu­ten gewe­sen sein muss. Wie lang hader­te er, bevor er vom Stuhl sprang und sich das Leben nahm? Wie sicher war er sich? Die­se Vor­stel­lung erschwert den Umgang mit dem Sui­zid und des­sen Ver­ar­bei­tung.

Bedroh­li­che Bil­der erset­zen

Eine Mög­lich­keit, mit die­sen Gedan­ken und Bil­dern umzu­ge­hen besteht dar­in, sie gegen ande­re zu erset­zen. Mög­li­cher­wei­se hat der Ver­stor­be­ne bei sei­nem Tod nicht gelit­ten. Mög­li­cher­wei­se war er bei den Vor­be­rei­tun­gen zu sei­nem Sui­zid sogar die Ruhe selbst und zöger­te nicht eine Sekun­de wäh­rend der Umset­zung. Am Ende wis­sen wir nicht, was in den letz­ten Minu­ten des Ver­stor­be­nen vor sich ging. Wir kön­nen nicht bele­gen, ob die ers­ten, bedroh­li­chen Bil­der zutref­fen oder die zwei­ten, eher fried­li­chen. Daher soll­ten sich Hin­ter­blie­be­ne und Hel­fer durch­aus erlau­ben, mit der fried­li­chen Ver­si­on zu leben, um bes­ser damit umge­hen zu kön­nen (Paul, 2018a). Gestützt wird die­se Vor­ge­hens­wei­se von Berich­ten von Men­schen, die sich das Leben neh­men woll­ten, es aber über­leb­ten. Sie spre­chen häu­fig davon, in den letz­ten Minu­ten vor dem Sui­zid­ver­such ent­spannt und mit sich im Rei­nen gewe­sen zu sein.

Die­se Infor­ma­ti­on plat­zie­re ich bewusst unter der Über­schrift „Umgang mit sich selbst“ und nicht bei den Hand­lungs­op­tio­nen. Ich erach­te es als zu früh, Hin­ter­blie­be­nen die­se Infor­ma­ti­on im Rah­men der Kri­sen­in­ter­ven­ti­on an die Hand zu geben. Hier gilt es, die Betrof­fe­nen zu sta­bi­li­sie­ren und hand­lungs­fä­hig zu machen. Die Ver­ar­bei­tung des Gesche­he­nen erfolgt erst deut­lich nach dem Ein­satz der Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fer.

Sei­te 8/9

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