Waren Sie zu Beginn des Kapitels erstaunt über die hohe Zahl der Suizide? Das wäre nicht verwunderlich und hängt vermutlich mit der zurückhaltenden Berichterstattung der Medien in diesen Fällen zusammen. Der Presserat empfiehlt im Pressekodex unter Punkt 8.7, zurückhaltend mit der Berichterstattung über Suizide zu sein. Er verweist auf den Schutz der Persönlichkeit (Deutscher Presserat, 2017).
Werther-Effekt
Es gibt jedoch einen weiteren guten Grund, nach einem Suizid auf eine öffentliche Berichterstattung zu verzichten. Das sind Nachahmungs-Taten, die oft auch als „Werther-Effekt“ bezeichnet werden (Phillips, 1974). Dieser Begriff geht zurück auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ im Jahr 1774. Darin berichtet Werther über seine unglückliche Liebesbeziehung, die schließlich in seinem Suizid endet. Auf die Veröffentlichung des Romans folgte eine Suizidwelle, die auf das Vorbild der Romanfigur zurückgeführt wird.
Diese Nachahmungen sind nicht nur nach der Veröffentlichung von Romanen mit entsprechendem Inhalt zu beobachten. In der Psychologie gilt es als gut belegt, dass die Suizid-Zahlen auch nach der Berichterstattung über einen realen Suizid signifikant steigen. Das wies der Soziologe David Phillips bereits 1974 nach. Er verglich die US-amerikanischen Suizidstatistiken von 1947 bis 1968 mit der Berichterstattung von Zeitungen. Er stellte fest: Sobald auf einer Titelseite über einen Suizid berichtet wurde, nahmen sich in der Folge im Schnitt 58 Menschen mehr das Leben als üblich. Die Steigerung war seinen Untersuchungen zufolge vor allem in jenen Regionen besonders hoch, wo besonders ausführlich über einen Suizid berichtet worden war (Phillips, 1974).
In späteren Untersuchungen wies er sogar nach, dass es Ähnlichkeiten zwischen den Suizidenten, über die berichtet wurde, und den Nachahmern gab (Phillips, 1979): Berichteten die Medien zum Beispiel, dass sich ein junger Mann durch einen bewusst herbeigeführten Autounfall das Leben nahm, waren es in den folgenden Tagen vermehrt junge Männer, die sich auf dem gleichen Weg das Leben nahmen. Wurde über ältere Männer berichtet, die sich durch einen Unfall das Leben nahmen, war in den Folgetagen ein Anstieg älterer Männer zu verzeichnen, die sich auf diese Weise selbst töteten.
Mediale Berichterstattung nach Suizid eines Prominenten
Medien berichten daher über Suizide nur in Ausnahmefällen. Die liegen ihrem Verständnis nach vor, wenn der Suizid in der breiten Öffentlichkeit stattgefunden hat, zum Beispiel wenn sich ein Mensch in der belebten Innenstadt selbst entzündet. Oder wenn es sich bei dem Suizidenten um einen Prominenten handelt. Beispiele hierfür sind die Frau des ehemaligen Bundeskanzlers, Hannelore Kohl, der Fußballer Robert Enke und der Schauspieler Robin Williams. In diesen Fällen überwiege das öffentliche Interesse, so die Argumentation der Medienschaffenden. Doch auch hier sind Nachahmungseffekte nachgewiesen: Nachdem sich Robin Williams im Jahr 2014 erhängt hatte, stieg die Zahl dieser Art von Suiziden in den USA in den Folgemonaten um 32 Prozent (Fink et al., 2018). Nach dem Suizid Robert Enkes stieg die Zahl der Selbsttötungen auf Bahngleisen für zwei Wochen von üblicherweise 2,3 Fälle pro Tag auf bis zu neun Fälle (Hauschild, 2020).
In Deutschland weisen die meisten Medien deshalb bei einer Berichterstattung über einen Suizid auf Hilfsangebote für Menschen hin, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen. Inwiefern das die Zahl der Nachahmer reduziert, ist nach meiner Kenntnis wissenschaftlich noch nicht erforscht.
Die Zurückhaltung der Medien mag zu einem weiteren Aspekt beitragen, der kennzeichnend nach Suiziden ist: Diese Todesform wird gerne tabuisiert (Paul, 2018b).
Suizid als Tabu
Das kann auf die Hinterbliebenen zutreffen, die sich nicht trauen, offen darüber zu sprechen, dass sich ein naher Angehöriger das Leben genommen hat. Die Gründe dafür können vielfältiger Natur sein: Scham, dass so etwas vermeintlich Seltenes ausgerechnet in der eigenen Familie vorkommt. Manche Hinterbliebene haben Angst, von anderen moralisch verurteilt zu werden – vor allem, wenn eigene Schuldgefühle im Spiel sind. Wieder andere haben das Gefühl, ein offenes Gespräch gleiche dem Anerkennen einer persönlichen Niederlage.
Aber auch Außenstehende tragen dazu bei, dass diese Todesform in Deutschland nach wie vor zu den Tabus zählt. Sie ziehen sich oft zurück und stellen ihre eigenen Mutmaßungen über die Gründe des Suizids an. Sie stellen sich Fragen wie: „Was war in dieser Familie nicht in Ordnung, dass sich jemand das Leben nimmt? Welchen Anteil spielen die Hinterbliebenen daran, dass sich der Suizident das Leben genommen hat?“ Und schnell kommen manche zu dem Schluss: „Da stimmt doch etwas nicht… “
Die Folgen sind später für Hinterbliebene zum Teil deutlich zu spüren. Einige berichten, dass sie von der Nachbarschaft und früheren Freunden auf einmal gemieden werden und dass Bekannte sogar die Straßenseite wechseln, wenn man sich zufällig auf der Straße begegnet (Luft & Glatt, 2018).