Wenn unter den Hinterbliebenen Kinder sind, so sollten diese ihrem Alter entsprechend ebenfalls in das Geschehen mit eingebunden werden. Das bedeutet auch, dass ihnen die Wahrheit gesagt und auf vermeintliche Notlügen verzichtet wird. Die Trauerbegleiterin Chris Paul (2018b) formuliert das in ihren „Menschenrechten für trauernde Kinder“ sogar sehr deutlich. Dort nennt sie als erstes Recht die „angemessene Information“ (S. 233).
Eltern schrecken manchmal davor zurück, ihren Kindern die Wahrheit zu sagen. Aber es sprechen gute Gründe für diesen Weg. Kinder haben ein sehr feines Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmt. Für sie ist es oft schwieriger auszuhalten, nicht zu wissen, was passierte, als die Wahrheit zu erfahren. Erhalten sie nicht die Informationen, nach denen sie fragen, schließen sie Wissenslücken meist durch Fantasien. Diese Fantasien können deutlich schlimmer ausfallen als die Realität, was das Leid des Kindes erhöht. Ist es dem Kind jedoch möglich, ein Verständnis dafür zu gewinnen, wie es zu dem Tod seines Vaters kam, fällt es ihm leichter, ihn zu akzeptieren (Essa & Murray, 1994).
Vertrauensverhältnis zum Kind stärken
Außerdem hat das Kind gerade – um in diesem Bild zu bleiben – seinen Vater verloren. Für das Kind ist es in dieser belastenden Situation wichtig, nun eine Bezugsperson zu haben, der es auf ganzer Linie vertrauen kann. Sollte das Kind erfahren, dass die Mutter es belogen hat, zum Beispiel weil die Mutter den Suizid verheimlicht, kann dieses Vertrauen enorm erschüttert werden. Dann hätte das Kind nicht nur seinen Vater verloren, sondern auch die Erfahrung gemacht, dem einzig verbliebenen Elternteil nicht mehr vertrauen zu können. Und die Erfahrung zeigt: In den meisten Fällen bekommen die Kinder die Wahrheit früher oder später zu Ohren. Wenn nicht von den Angehörigen selbst, dann vielleicht von Spielkameraden im Kindergarten oder Klassenkameraden in der Schule. Schließlich ist nicht auszuschließen, dass andere Familien von dem Suizid hören und offen in Anwesenheit derer Kinder darüber sprechen.
Nicht zuletzt spricht für einen offenen Umgang mit dem Kind die Tatsache, dass Mutter und Kind so steuern können, in welchen Informationsmengen das Kind die Wahrheit erzählt bekommt. Je nach Alter bedeutet ein angemessener Umgang mit dem Kind, die Informationen in kleinen Mengen zu dosieren (Shah, 2017).
Kinder haben eigene Gedanken
Der hinterbliebene Elternteil sollte darauf achten, dass er dem Kind vermittelt, dass der Verstorbene das Kind geliebt hat – vor allem, wenn dem Suizid eine psychische Erkrankung vorausgegangen ist, wegen der der Verstorbene aggressiv oder gleichgültig wurde (Paul, 2018a).
Außerdem sollte dem Kind vermittelt werden, dass es keine Schuld am Tod eines Angehörigen hat. Kinder neigen dazu, sich für viele Dinge in ihrem Umfeld schuldig zu fühlen – vor allem, wenn es den Angehörigen kurz vor seinem Suizid verärgerte: „Weil ich so frech war, wollte Papa nicht mehr leben.“ Eine mögliche Reaktion könnte hier sein: „Du bist ein Kind und trägst keine Verantwortung für das, was Erwachsene tun.“ (Paul, 2018a, S. 17).
Erziehungsberechtigte entscheiden
Letztlich gilt jedoch: Der hinterbliebene Elternteil entscheidet, wie er mit seinem Kind umgeht und was er ihm wann sagt. Der Kriseninterventionshelfer kann dem Elternteil in dieser Frage beratend zur Seite stehen, darf aber keine Entscheidungen treffen – schon gar nicht über den Kopf des Elternteils hinweg.
Die Informationen zum Umgang mit Kindern sind Zusatzinformationen, die den Hinterbliebenen gegeben werden können. Manchmal fragen sie explizit danach: „Was sage ich denn meiner Tochter?“, manchmal ergibt sich das Thema im Gespräch mit dem Hinterbliebenen. Es ist keineswegs so, dass alle Informationen gegeben werden müssen. Das könnte den Hinterbliebenen überfordern. Es liegt in der Hand des Helfers zu entscheiden, welche Informationen in der jeweiligen Situation relevant sind und zu welchem Zeitpunkt sie es sind, um sie dosiert zu übermitteln.
Weitere Informationen zum allgemeinen Umgang mit hinterbliebenen Kindern und dem altersentsprechenden Verständnis von Tod finden sich in einem gesonderten Kapitel.