Trauer findet heute längst nicht mehr nur analog statt – etwa an einer Gedenkstelle für den Verstorbenen oder an seinem Grab. Das Internet bietet viele neue Räume, um öffentlich oder privat zu trauern – Gedenkseiten, Foren, soziale Medien. Doch wie hilfreich sind diese Angebote? Die wissenschaftliche Forschung dazu ist noch überschaubar und zeigt ein gemischtes Bild.
Gedenkseiten bieten Angehörigen und Freunden einen virtuellen Ort, um Erinnerungen zu teilen, Fotos zu veröffentlichen, digitale Kerzen zu entzünden oder Kondolenzen zu hinterlassen. Gerade in Situationen, in denen physische Begegnungen erschwert oder unmöglich sind – etwa bei räumlicher Distanz, während einer Pandemie oder im unmittelbaren Schockzustand – übernehmen digitale Gedenkseiten eine symbolische Funktion: Sie stellen einen jederzeit zugänglichen Erinnerungsraum dar, der unabhängig von Ort und Zeit besucht werden kann (Walter & Maxwell, 2017). Das Bedürfnis, weiterhin mit dem Verstorbenen in Beziehung zu stehen, zeigt sich hier besonders deutlich.
Auch auf sprachlicher Ebene sind digitale Gedenkräume bedeutsam: In ihrer Analyse zeigte McGlashan (2021), dass Angehörige in ihren Einträgen nicht nur über die Verstorbenen sprechen, sondern sich häufig an sie richten – in direkter Ansprache, oft in der Gegenwartsform. Diese Art der Kommunikation – zwischen öffentlich und intim, zwischen Trauer und Kontaktaufnahme – kann das Gefühl fördern, weiterhin mit dem Verstorbenen verbunden zu sein. Gedenkseiten übernehmen so nicht nur eine dokumentarische oder soziale Funktion, sondern werden zu einem Ort des fortgeführten Dialogs, der das individuelle und kollektive Erinnern zugleich ermöglicht.
Konflikte durch öffentliches Gedenken
Gleichzeitig heben Studien hervor, dass diese öffentlichen Formen des Andenkens auch Konflikte bergen können. Wenn Trauer in sozialen Netzwerken sichtbar wird – etwa durch häufige Posts oder emotionale Fotos – erleben manche Hinterbliebene das Gefühl, ihre Trauer mit anderen „verhandeln“ zu müssen. Bell et al. (2015) dokumentieren Beispiele, in denen Gedenkseiten sogar wieder gelöscht wurden, weil sich Angehörige nicht damit identifizieren können, wie andere dem Verstorbenen gedenken. Öffentliche Gedenkseiten im Internet können somit zur emotionalen Stütze werden, aber auch zur Gefahrenquelle, wenn öffentlicher Druck oder unterschiedliche Meinungen entstehen.
Facebook und persönliche Webseiten
Neben öffentlichen Foren ist auch Facebook zu einem zentralen Ort des Trauerns geworden. Manche Hinterbliebene lassen das Facebookprofil des Verstorbenen in einen Gedenkzustand versetzen. Das Profil wird dann mit „In Gedenken an…“ überschrieben und eingefroren. Dadurch bleiben Inhalte wie Freundeslisten, Fotos und Postings je nach Privatsphäre-Einstellung des Verstorbenen weiter einsehbar. Geburtstagsbenachrichtigungen des Verstorbenen entfallen, er wird auch nicht mehr in Freundschaftsvorschlägen angezeigt.
Digital versierte Menschen haben für Verstorbene auch schon eigene Internetseiten errichtet, auf denen sie an ihn oder sie erinnert haben – mit Texten, Fotos, Videos und möglicherweise auch Sprachnachrichten des Verstorbenen. Je nach Gestaltung der Seite können auch hier Freunde und Bekannte Nachrichten hinterlassen und ihrerseits Bilder oder Videos hochladen. Um die Privatsphäre zu schützen, können solche Seiten mit einem Passwort nur einer bestimmten Besuchergruppe zugänglich gemacht werden.
Forschungsstand und offene Fragen
Trotz der Vielzahl an Angeboten und Einzelfallstudien zur digitalen Trauerverarbeitung fehlt bislang eine umfassende, systematische Bewertung ihrer Wirkung. Die vorhandenen Forschungsarbeiten sind häufig kontextbezogen und stark auf spezifische Zielgruppen (z. B. Suizidhinterbliebene, junge Erwachsene oder pandemiebedingte Trauerfälle) fokussiert. Vergleichende Untersuchungen über längere Zeiträume oder Studien, die unterschiedliche digitale Formate miteinander in Beziehung setzen, sind bisher kaum vorhanden.
Die Frage, für wen digitale Formen hilfreich sind, unter welchen Umständen sie schaden können und wie sie professionell begleitet werden müssten, bleibt bislang weitgehend unbeantwortet. Es stellt sich weniger die Frage, ob digitale Trauerangebote wirksam sind, sondern unter welchen Bedingungen.
KI in der Trauerarbeit
Auch Künstliche Intelligenz spielt bei der Trauerarbeit eine zunehmende Rolle – zurzeit allerdings eine oft fragwürdige. Replika ist ein KI-gestützter Chatbot, der ursprünglich als emotionaler Begleiter programmiert wurde. Nutzerinnen und Nutzer können sich mit der KI unterhalten – in Form eines Text- oder Sprachchats. Ziel ist eine emotionale Bindung zu einer künstlichen Figur. Manche Menschen erstellen sich eine Replika, die den Verstorbenen nachahmt – zum Beispiel mit ähnlicher Sprache, Charakterzügen oder sogar seinem Namen. Die KI imitiert dann den verstorbenen Menschen.
HereAfter AI geht noch einen Schritt weiter. Hier können Menschen dem System zu Lebzeiten mehrere Stunden lang über ihr Leben, Lieblingsrezepte, Erinnerungen, Witze und so weiter erzählen. Daraus entwickelt das Portal eine sprechende KI – mit der Stimme und Aussprache des Verstorbenen. Hinterbliebene können sich über eine App mit dem Verstorbenen unterhalten.
Ethische Bedenken
Zwar gibt es erste wissenschaftliche Studien, die sich mit dieser Art von Künstlicher Intelligenz in der Trauerarbeit befassen. Es sind meiner Auffassung nach aber noch nicht genug, um klare Aussagen machen zu können, welche Vor- und Nachteile der Einsatz dieser Bots mit sich bringt.
Trotz dieser Unklarheit (oder gerade deswegen?) ist der Einsatz dieser Bots für die Trauerarbeit ethisch umstritten. Fachleute fordern ethische Richtlinien, an die sich die Anbieter solcher Dienste halten sollen. Hollanek und Nowaczyk-Basinska (2024) fordern beispielsweise, dass Benutzerinnen und Benutzer klar verstehen müssen, dass sie mit einer KI sprechen – und nicht mit einem echten (oder verstorbenen) Menschen. Andernfalls könnten Trauerbots zu emotionalen Täuschungen führen, die Trauerarbeit eher behindern als fördern. Sie empfehlen einen prominenten Warnhinweis in der Benutzeroberfläche.
Sie warnen zudem vor dem Einsatz durch Kinder und Jugendliche, die diese Trauerbots als real wahrnehmen würden und möglicherweise falsche Vorstellungen von Leben und Tod entwickeln könnten.
Außerdem sei es nötig, dass man bereits zu Lebzeiten der Nutzung seiner Daten für Trauerbots zustimmt. Nur so könne die Würde eines Verstorbenen auch nach seinem Tod gewahrt bleiben.