Bis hierhin dürfte deutlich zum Ausdruck gekommen sein, wie individuell Trauer von den einzelnen Menschen erlebt und verarbeitet wird. Alle Trauernden haben eins gemeinsam: Sie brauchen ein soziales Netz, das Verständnis für ihre Situation aufbringt, sie ernst nimmt und ihnen bei Bedarf zuhört. Es gibt kein richtiges und kein falsches Trauern. Letztlich muss die Art des Trauerns stimmig sein zu dem, was die oder der Betroffene gerade empfindet und benötigt.
Was Trauernde konkret benötigen, können sie selbst oft sehr gut zum Ausdruck bringen. Deshalb kann es hilfreich sein, sie einfach zu fragen: „Was brauchst du gerade? Wie kann ich dich unterstützen?“ Das ist oft besser, als ihnen eine gutgemeinte, aber nicht benötigte Hilfe aufzudrängen. Schauen wir uns einige Handlungsoptionen im Detail an:
- Auch direkt nach einem Todesfall kann es vorkommen, dass Hinterbliebene positive Gefühle äußern oder vielleicht einen Witz machen und darüber lachen. Kurz darauf schämen sie sich über die kurzfristig aufgeflackerte gute Stimmung. Helfende können in diesem Fall die Hinterbliebenen unterstützen und sagen, dass positive Emotionen vollkommen in Ordnung und natürlich sind. Niemand muss nach einem Todesfall ausschließlich traurig sein.
- Nicht nur der Umgang mit positiven Emotionen kann Hinterbliebene verunsichern. Am Tag des Todes stellen sie oft verunsichert die Frage: „Was mache ich jetzt den Rest des Tages oder des Abends? Ist es in Ordnung, wenn ich einfach nur den Fernseher einschalte und mich davor setze?“ Helfende können den Hinterbliebenen diese Unsicherheit nehmen und ihnen erklären: „Ja, das ist es. Das Leben geht ganz normal weiter und Sie können machen, wozu Sie Lust haben.“
Auch wenn eine Hinterbliebene an diesem Abend zum Bowling verabredet war und dieses Treffen nicht absagen möchte, ist das in Ordnung. Für den Verstorbenen ändert das nichts. Diese Einordnung empfinden viele Hinterbliebene als entlastend, weil sie oft den Eindruck haben, einer gewissen Verhaltensnorm entsprechenden zu müssen.
Dasein und Zuhören sind wichtige Hilfen
- Möchten Trauernde sprechen, brauchen sie jemanden, der ihnen zuhört und gegebenenfalls unterstützende Fragen stellt. Die Themen können unterschiedlicher Natur sein. Einige machen sich ganz praktische Gedanken und wollen zum Beispiel wissen, was die nächsten Schritte sind, die sie in die Wege leiten müssen. Andere wollen Gedanken teilen, etwa, welche Pläne das Paar noch gemeinsam hatte. Vielleicht hätte in Kürze eine gemeinsame Reise angestanden. Wieder andere sprechen gerne über Erinnerungen an den Verstorbenen.
Immer wieder kommt es vor, dass Trauernde denselben Gedanken oder dieselbe Erinnerung mehrfach wiederholen, so als hätten sie noch nie darüber gesprochen. Auch wenn es für Freunde und Angehörige anstrengend sein mag, sich die Wiederholung der Wiederholung anzuhören: Das hilft den Hinterbliebenen bei der Verarbeitung ihrer Trauer.
- Möchten Trauernde reden, finden aber nicht die richtigen Worte, können gezielte Fragen helfen: „Möchtest du erzählen, was passiert ist?“, „Wie geht es dir heute?“, „Was geht dir durch den Kopf?“ Manchmal erscheinen die Aussagen Trauernder für Außenstehende widersprüchlich. So lange der Widerspruch keine ernsthafte Relevanz für die aktuelle Situation hat, kann er gerne so stehenbleiben. Trauer fühlt sich manchmal widersprüchlich an.
- Für Trauernde kann allein die bloße Präsenz eines anderen Menschen hilfreich sein, ohne dass sie mit ihm sprechen wollen. Auch wenn Helfende, Angehörige und Freunde sich in solchen Situationen hilflos oder als nicht helfend empfinden: Ihre Anwesenheit hilft oft, weil sich Trauernde dadurch nicht einsam fühlen.
Dabei ist es noch nicht einmal zwingend erforderlich, dass sich Freunde und Angehörige im gleichen Raum wie die Trauernden befinden. Hinterbliebene haben beispielsweise schon Aussagen wie folgende getroffen: „Ich habe allein im Wohnzimmer gesessen und mein Bruder auf dem Balkon. Das hat mir sehr geholfen, weil ich wusste, er ist da.“ Die Devise lautet in diesem Fall: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Die treffenden Worte finden
Sprachgebrauch:
Sätze wie „Das wird schon wieder.“ sind meist gut gemeint, wirken aber oft verletzend und abwertend. Trauer braucht ihren Raum und ihre Zeit. Stellen wir uns vor, eine Frau hat ihren Ehemann verloren, mit dem sie 60 Jahre verheiratet war und fast ihr ganzes Leben geteilt hat. In diesem Moment bricht möglicherweise für eine Weile ihre ganze Welt zusammen. Sie wird für solch bagatellisierende Sätze nicht empfänglich sein.
Weitere Beispiele für Sätze, die Hinterbliebene oft nicht hören wollen:
- „Die Zeit heilt alle Wunden.“ – verharmlost den Schmerz und suggeriert, man müsse nur abwarten.
- „Er war ohnehin sehr alt / krank.“ – klingt, als sei der Tod weniger schlimm.
- „Er/Sie hätte nicht gewollt, dass Sie traurig sind.“ – erzeugt Schuldgefühle.
- „Sie müssen jetzt stark sein.“ – baut Druck auf.
- „Andere haben Schlimmeres erlebt.“ – relativiert den Schmerz.
- „Jetzt ist er/sie an einem besseren Ort.“ – kann gläubigen Menschen helfen, andere empfinden es als abgehoben.
- Konkrete Hilfsangebote sind oft hilfreicher als allgemeine. „Melde dich, wenn du etwas brauchst“ kann leicht in Vergessenheit geraten. „Ich koche morgen. Wenn du möchtest, mache ich eine Portion für dich mit“ zeigt hingegen konkrete Entlastung und Verbindlichkeit.
- Auch Kinder trauern – nur anders. Ihr Verhalten kann sprunghaft und spielerisch wirken. So können Kinder Fragen zum Tod stellen und sich während der Antwort wieder dem Spielzeug zuwenden. Ein Kind fragte einmal wenige Stunden nach dem Tod seiner Schwester, ob es nun in deren Zimmer ziehen könne. Das sei schließlich größer.
Kinder können sehr pragmatisch wirken – das heißt aber nicht, dass sie nicht trauern. Das Umfeld sollte sie altersgerecht einbeziehen und nicht über ihren Kopf hinweg sprechen. Ein eigenes Kapitel zur Kindertrauer ist in Planung.
Orte der Erinnerung schaffen
- (Kulturelle) Bräuche und Rituale sollten ernst genommen und unterstützt werden – auch wenn sie fremd erscheinen. Bei Unsicherheit hilft die offene Frage: „Wie kann ich dabei helfen?“ oder „Was bedeutet das für Sie?“ Oft freuen sich Angehörige über ehrliches Interesse und erklären die Hintergründe gerne.
- Trauernde können Orte der Erinnerung schaffen, um dem Verstorbenen nahe zu sein. Das kann ein gestalteter Platz mit Kerze und Foto sein, ein Gartenbeet, das gemeinsam gepflegt wurde, oder eine Parkbank, auf der viel Zeit verbracht wurde. Für viele ist das wichtig – auch, um innerlich weiter mit dem Verstorbenen zu sprechen.
- Manche schreiben Briefe an den Verstorbenen – als Gedankenstütze, als Ausdruck ihrer Gefühle oder als Teil eines Rituals. Manche heben sie auf, andere verbrennen sie symbolisch.
- Das Umfeld zieht sich oft nach einem halben Jahr zurück. Menschen mit weniger regelmäßigem Kontakt können diesen Zeitpunkt bewusst wählen, um sich zu melden und zu zeigen: „Ich bin noch da.“ Das kann helfen, entstandene Lücken ein wenig zu schließen.
- Wie das Pendelmodell von Stroebe und Schut zeigt, brauchen viele Trauernde Phasen der Ablenkung. Das kann direkt nach dem Todesfall sein oder Wochen später. Ein Spaziergang, ein DVD-Abend – alles kann guttun, wenn die betroffene Person selbst entscheiden darf. Die Frage „Willst du darüber sprechen oder ist dir gerade nicht danach?“ schafft dafür Raum. Aber: Wenn keine Ablenkung gewünscht ist, sollte sie auch nicht aufgedrängt werden.