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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Trau­er in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren

Auch wenn die Trau­er – wie zu Beginn des Kapi­tels erwähnt – uni­ver­sell ist: Der Weg, wie sie gelebt und zum Aus­druck gebracht wird, unter­schei­det sich nicht nur über die Kon­ti­nen­te hin­weg, son­dern auch zwi­schen den ein­zel­nen Län­dern eines Kon­ti­nents.

Es wür­de den Rah­men spren­gen, an die­ser Stel­le alle Unter­schie­de auf­zu­füh­ren. Eini­ge Bei­spie­le sol­len jedoch zei­gen, wie unter­schied­lich Trau­er aus­ge­drückt wer­den kann – und zugleich ver­deut­li­chen: Die­se Unter­schie­de sind nicht bedenk­lich, son­dern ganz nor­mal.

Emo­ti­ons­aus­druck

In vie­len west­li­chen Gesell­schaf­ten gilt ein kon­trol­lier­ter, pri­va­ter Umgang mit Emo­tio­nen als ange­mes­sen – wäh­rend in ande­ren Kul­tu­ren ein lau­ter, sicht­ba­rer und gemein­schaft­li­cher Aus­druck der Trau­er nicht nur akzep­tiert, son­dern sogar erwar­tet wird.

In süd- und ost­eu­ro­päi­schen Län­dern wie Grie­chen­land, Ita­li­en oder Por­tu­gal ist es völ­lig nor­mal, dass bei Beer­di­gun­gen laut geweint, geklagt oder sogar geschrien wird. Die­se Aus­drucks­for­men gel­ten dort nicht als Zei­chen von Schwä­che, son­dern als ehr­li­cher und wür­de­vol­ler Aus­druck des Ver­lusts.

Auch in vie­len Regio­nen Afri­kas, Asi­ens und Süd­ame­ri­kas sind öffent­li­che Trau­er­pro­zes­se fest in sozia­le Ritua­le ein­ge­bet­tet. Auf den Phil­ip­pi­nen etwa wird lau­tes Wei­nen als öffent­li­cher Aus­druck von Ver­bun­den­heit ver­stan­den.

Emo­tio­na­le Zurück­hal­tung bedeu­tet nicht feh­len­der Schmerz

Dem gegen­über ste­hen Län­der wie Japan, Finn­land oder Groß­bri­tan­ni­en, in denen emo­tio­na­le Zurück­hal­tung in der Öffent­lich­keit als Zei­chen von Wür­de und Selbst­kon­trol­le gilt. Auf Beer­di­gun­gen zei­gen Ange­hö­ri­ge dort oft kei­ne Trä­nen – nicht, weil der Schmerz fehlt, son­dern weil die kul­tu­rel­le Norm emo­tio­na­le Zurück­hal­tung ver­langt.

Auch in Deutsch­land exis­tie­ren For­men öffent­li­cher Trau­er – etwa Schwei­ge­mi­nu­ten oder Trau­er­mär­sche. Doch der per­sön­li­che emo­tio­na­le Aus­druck bleibt dabei oft zurück­hal­tend.

Die­se kul­tu­rel­len Unter­schie­de im Emo­ti­ons­aus­druck füh­ren im inter­kul­tu­rel­len Mit­ein­an­der immer wie­der zu Miss­ver­ständ­nis­sen. Wer still trau­ert, gilt womög­lich als distan­ziert oder kalt – wäh­rend aus­drucks­star­ke Trau­er in ande­ren Kon­tex­ten als über­trie­ben emp­fun­den wird.

Dabei han­delt es sich in bei­den Fäl­len um kul­tu­rell gelern­te und gesell­schaft­lich legi­ti­mier­te Aus­drucks­for­men von Ver­lust (Bon­an­no, 2009; Rosen­blatt, 2008).

Für die psy­cho­so­zia­le Unter­stüt­zung bedeu­tet das: Was in einer Kul­tur als gesun­de Trau­er gilt, kann in einer ande­ren als unan­ge­mes­sen emp­fun­den wer­den. Fach­kräf­te soll­ten sen­si­bel damit umge­hen und kei­ne vor­ei­li­gen Rück­schlüs­se zie­hen. Lau­te For­men der Trau­er sind nicht zwin­gend Aus­druck stär­ke­rer Gefüh­le – eben­so wenig bedeu­tet stil­le Trau­er auto­ma­tisch emo­tio­na­le Ver­drän­gung. Bei­des kann Aus­druck kul­tu­rel­ler Prä­gung sein.

Geschlech­ter­rol­len

Auch wenn sich die Sicht­wei­sen in Deutsch­land lang­sam wan­deln, sind Geschlech­ter­rol­len in Bezug auf Trau­er nach wie vor tief ver­an­kert. Vie­le Gesell­schaf­ten haben kla­re Vor­stel­lun­gen davon, wie Män­ner und Frau­en einen Ver­lust „ange­mes­sen“ bewäl­ti­gen sol­len.

Sol­che Erwar­tun­gen kön­nen ent­las­tend oder belas­tend wir­ken – je nach­dem, ob die Betrof­fe­nen ihnen ent­spre­chen.

In patri­ar­chal gepräg­ten Kul­tu­ren – und auch in vie­len west­lich gepräg­ten Gesell­schaf­ten – gilt für Män­ner häu­fig das Ide­al des star­ken, kon­trol­lier­ten Trau­ern­den, der sei­ne Emo­tio­nen mög­lichst zurück­hält und ratio­na­li­siert. Inner­halb die­ses Rol­len­bil­des gilt Emo­ti­ons­kon­trol­le als Aus­druck von Männ­lich­keit. Wer als Mann öffent­lich weint, ris­kiert, als schwach oder unan­ge­mes­sen zu gel­ten (K. J. Doka & Mar­tin, 2010; Mar­tin & Doka, 2000).

Kla­ge­frau­en als Form emo­tio­na­ler Aus­drucks­fä­hig­keit

Frau­en hin­ge­gen wird tra­di­tio­nell eine grö­ße­re emo­tio­na­le Aus­drucks­fä­hig­keit zuge­schrie­ben. Wei­nen, Kla­gen, Erin­nern, Spre­chen – all das gilt als „natür­lich weib­lich“ und wird gesell­schaft­lich eher akzep­tiert oder sogar erwar­tet.

In man­chen Kul­tu­ren ist die­se Rol­le sogar insti­tu­tio­na­li­siert – etwa in Form von Kla­ge­frau­en, wie sie in ara­bi­schen, süd­ost­eu­ro­päi­schen oder afri­ka­ni­schen Trau­er­ri­tua­len zu fin­den sind (Wal­ter, 1999).

Für die psy­cho­so­zia­le Not­fall­ver­sor­gung bedeu­tet das: Unter­stüt­zung soll­te geschlech­ter­sen­si­bel, aber nicht in geschlech­ter­ste­reo­ty­pen Mus­tern erfol­gen. Hel­fe­rin­nen und Hel­fer soll­ten Frau­en und Män­nern glei­cher­ma­ßen Gesprä­che und Beglei­tung anbie­ten – und zugleich Ver­ständ­nis zei­gen, wenn sich ein Mann emo­tio­nal zurück­hält oder nicht viel spre­chen möch­te.

Sie han­deln geschlech­ter­sen­si­bel, wenn sie sich an der tat­säch­li­chen Reak­ti­on ori­en­tie­ren. Geschlech­ter­ste­reo­typ wäre es hin­ge­gen, einem Mann von vorn­her­ein kein Gespräch anzu­bie­ten.

Bei­spiel für ste­reo­ty­pes Ver­hal­ten
Ein Mann steht schwei­gend am Rand. Sagt der Hel­fer zu sei­ner Kol­le­gin: „Den brauchst du gar nicht anzu­spre­chen – er will ohne­hin nicht reden, ist halt’n Kerl.“

Spi­ri­tu­el­le Deu­tung von Tod und Trau­er

In Gesell­schaf­ten mit gerin­ge­rem reli­giö­sen Ein­fluss wie Deutsch­land, Schwe­den oder den Nie­der­lan­den wird Trau­er heu­te häu­fig als psy­cho­lo­gi­sches oder emo­tio­na­les Pro­blem betrach­tet – etwas, das indi­vi­du­ell zu bewäl­ti­gen ist, mit oder ohne the­ra­peu­ti­sche Unter­stüt­zung.

Ande­re Kul­tu­ren ver­ste­hen den Tod als Teil eines grö­ße­ren spi­ri­tu­el­len Zusam­men­hangs, in dem Trau­er eine sozia­le und ritu­el­le Funk­ti­on erfüllt.

In vie­len reli­gi­ös gepräg­ten Gesell­schaf­ten gilt der Tod nicht als end­gül­ti­ger Bruch, son­dern als Über­gang in eine ande­re Exis­tenz­form. Die­se Sicht­wei­se beein­flusst auch die Trau­er: Sie ist nicht nur Aus­druck des Ver­lusts, son­dern zugleich Teil eines ritu­ell beglei­te­ten Über­gangs­pro­zes­ses – sowohl für die See­le des Ver­stor­be­nen als auch für die Hin­ter­blie­be­nen (Par­kes et al., 2015).

So sieht etwa der tibe­ti­sche Bud­dhis­mus in der Zeit nach dem Tod eine Pha­se des Bar­do vor – einen Zwi­schen­zu­stand, in dem sich die See­le auf ihre nächs­te Wie­der­ge­burt vor­be­rei­tet.

Men­schen in Japan glau­ben an Rück­kehr der Geis­ter

Beim japa­ni­schen Obon-Fest, das auf bud­dhis­ti­sche Vor­stel­lun­gen zurück­geht, keh­ren die Geis­ter der Ver­stor­be­nen sym­bo­lisch für weni­ge Tage in das Leben ihrer Fami­li­en zurück. Häu­ser wer­den geschmückt, Altä­re errich­tet und Lich­ter ent­zün­det, um den Weg für die Ahnen zu ebnen (Rosen­blatt, 2008).

Trau­er ist hier nicht indi­vi­du­ell, son­dern kol­lek­tiv – ein­ge­bet­tet in eine Tra­di­ti­on, die über Gene­ra­tio­nen hin­weg gepflegt wird.

Im Gegen­satz dazu steht die oft indi­vi­dua­li­sier­te west­li­che Trau­er­kul­tur, in der reli­giö­se Deu­tun­gen eine immer gerin­ge­re Rol­le spie­len. Hier wird der Tod meist als per­sön­li­cher Ver­lust begrif­fen, der ver­ar­bei­tet wer­den muss (Wal­ter, 1999). Der gesell­schaft­li­che Fokus liegt dabei auf psy­cho­lo­gi­schen Kon­zep­ten wie „Trau­er­ver­ar­bei­tung“ oder „Abschied neh­men“. Die Beglei­tung der See­le des Ver­stor­be­nen spielt kaum mehr eine Rol­le.

Für die psy­cho­so­zia­le Pra­xis bedeu­tet das: Spi­ri­tu­el­le Vor­stel­lun­gen ernst zu neh­men – auch wenn sie dem eige­nen Welt­bild mög­li­cher­wei­se fremd erschei­nen. Für vie­le Betrof­fe­ne sind die­se Kon­zep­te kein irra­tio­na­ler Trost, son­dern ein sinn­stif­ten­der Anker in einer exis­ten­zi­el­len Kri­se. Wer trau­ert, sucht oft nicht nur Trost – son­dern auch Ori­en­tie­rung in Ritua­len.

Trau­er als öffent­li­ches oder pri­va­tes Ereig­nis

Ob Trau­er öffent­lich sicht­bar oder pri­vat durch­lebt wird, ist kul­tu­rell höchst unter­schied­lich – und sagt viel dar­über aus, wel­che gesell­schaft­li­che Bedeu­tung dem Tod bei­gemes­sen wird.

Wäh­rend in eini­gen Kul­tu­ren gemein­schaft­li­che Trau­er­ri­tua­le zen­tra­ler Bestand­teil des sozia­len Lebens sind, wird Trau­er in ande­ren als inti­me Ange­le­gen­heit ver­stan­den, die eher im Stil­len ver­ar­bei­tet wird.

In vie­len afri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Gesell­schaf­ten etwa ist der Tod kein indi­vi­du­el­les, son­dern ein sozi­al ein­ge­bet­te­tes Ereig­nis. Bestat­tun­gen sind oft groß ange­leg­te Zere­mo­nien, mit Musik, Tanz, lan­gen Reden und kol­lek­ti­ven Aus­drucks­for­men des Schmer­zes und der Soli­da­ri­tät. Die Ange­hö­ri­gen sind Teil eines öffent­li­chen Ritu­als, das nicht nur dem Abschied vom Ver­stor­be­nen dient, son­dern auch dem Zusam­men­halt der Gemein­schaft (Met­calf & Hun­ting­ton, 1991; Rosen­blatt, 2008).

Ashan­ti in Gha­na zele­brie­ren Beer­di­gungs­ri­tua­le über Tage hin­weg

Ein beson­ders ein­drucks­vol­les Bei­spiel sind die Beer­di­gungs­ri­tua­le der Ashan­ti in Gha­na, die über meh­re­re Tage hin­weg statt­fin­den. Neben reli­giö­sen Aspek­ten spie­len dabei Sta­tus, sozia­le Zuge­hö­rig­keit und gemein­schaft­li­ches Geden­ken eine gro­ße Rol­le. Der emo­tio­na­le Aus­druck – ob Wei­nen, Kla­gen oder Tan­zen – ist öffent­lich und gilt als sozi­al erwünscht.

Dem gegen­über ste­hen vie­le west­lich gepräg­te Gesell­schaf­ten, in denen Trau­er mehr und mehr ins Pri­va­te ver­la­gert wird. Die Bestat­tung erfolgt im engs­ten Fami­li­en­kreis, kon­do­liert wird schrift­lich, und wer stark lei­det, sucht psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung – nicht das Kol­lek­tiv, son­dern das Indi­vi­du­um steht im Zen­trum. Trau­er wird dabei als inne­rer, per­sön­li­cher Pro­zess ver­stan­den, der in der Öffent­lich­keit oft unsicht­bar bleibt (Wal­ter, 1999).

Die­se kul­tu­rel­le Dif­fe­renz hat prak­ti­sche Fol­gen: In einer Gesell­schaft, die Trau­er pri­va­ti­siert, besteht die Gefahr, dass sich trau­ern­de Men­schen iso­liert füh­len, wenn ihre Ver­lus­te im All­tag kei­nen Raum haben. In Gemein­schafts­kul­tu­ren hin­ge­gen kann Trau­er zwar stär­ker auf­ge­fan­gen wer­den, aber auch der sozia­le Druck hoch sein, öffent­lich sicht­bar zu trau­ern – selbst wenn die betrof­fe­ne Per­son sich dazu nicht bereit fühlt.

Für psy­cho­so­zia­le Fach­kräf­te bedeu­tet das: Sen­si­bi­li­tät für die Fra­ge, ob Trau­er öffent­lich oder pri­vat gelebt wird – und ob dies der betrof­fe­nen Per­son ent­spricht oder ihr wider­spricht. Die Form der Trau­er soll­te nicht bewer­tet, son­dern ver­stan­den wer­den.

Sei­te 5/8

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