Nicht jede Trauer wiegt gleich schwer. Während einige Menschen den Tod eines anderen mit einer kurzen Bestürzung zur Kenntnis nehmen, kann derselbe Verlust für andere eine lebensverändernde Erfahrung sein. Stirbt beispielsweise ein Mann, der bei einem großen Unternehmen angestellt war, wird sein entfernter Kollege weniger stark um ihn trauern als die Ehefrau und die Kinder des Verstorbenen. Das zeigt: Die Qualität der Beziehung zwischen Hinterbliebenem und Verstorbenem beeinflusst maßgeblich die Intensität der Trauer. Je liebevoller, enger und harmonischer die Beziehung war, desto größer fällt in der Regel die Trauer aus.
Die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern gilt als eine der engsten zwischen Menschen. Daher überrascht es nicht, dass zum schwersten Verlust für Erwachsene der Tod des eigenen Kindes zählt. Eltern berichten auch Jahre nach dem Tod ihres Kindes häufig von tiefer Verzweiflung und anhaltenden Gedanken an das verstorbene Kind (Rubin & Malkinson, 2001).
Alter und Geschlecht spielen eine Rolle
Stirbt ein Lebenspartner, hängt die Schwere der Trauer auch vom Alter des Paares ab. Ältere Menschen kommen oft besser mit dem Tod ihres Partners klar als jüngere (W. Stroebe & Stroebe, 1993). Ältere Menschen haben meist wichtige Ziele in ihrem Leben erreicht und sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinandergesetzt. Sie bringen oft mehr Lebens- und Verlusterfahrung mit und können sich daher auf die veränderte Lebenssituation einstellen. Für Hinterbliebene im jungen und mittleren Erwachsenenalter dagegen brechen oft Lebenskonzepte und ‑pläne mit dem Tod des Partners zusammen. Sie können gemeinsam gesteckte Ziele nun nicht mehr erreichen. Für sie ist es häufig schwieriger, sich auf ein Leben ohne den bisherigen Partner einzustellen.
Auch das Geschlecht beeinflusst, wie stark und wie sichtbar Trauer erlebt wird. Männer sprechen seltener über ihre Trauer und suchen seltener aktiv um Unterstützung – im Gegensatz zu Frauen. Das kann den Trauerprozess erschweren oder verlängern (K. Doka & Martin, 2000; M. Stroebe, 1998).
Plötzlicher und absehbarer Tod
Zahlreiche Studien zeigen: Für die Trauer macht es einen bedeutsamen Unterschied, ob der Tod eines nahestehenden Menschen plötzlich oder erwartet eintritt.
Ein plötzlicher Verlust – etwa durch einen Suizid, Unfall oder einen Herzinfarkt – geht häufig mit einem starken Schock, Hilflosigkeit, Schuldgefühlen und intensiver Sinnsuche einher (Bonanno & Kaltman, 2001). Hinterbliebene stellen sich dann oft Fragen wie: Warum ist das passiert? Warum gerade er/sie? Was hat das für einen Sinn? Hätte ich das verhindern können?
Die Sinnsuche hilft dabei, dem Geschehen nachträglich eine Bedeutung zu verleihen. Das ist ein wichtiger Schritt in der emotionalen Trauerverarbeitung (Neimeyer, 2001).
Auch vorweggenommene Trauer ist möglich
Bei einem absehbaren Tod – etwa infolge einer längeren Erkrankung – setzen Trauerreaktionen häufig schon vor dem eigentlichen Sterbezeitpunkt ein. Diese vorweggenommene Trauer kann helfen, den Verlust emotional vorzubereiten und die akute Trauer abzumildern (Holley & Mast, 2009; Nielsen et al., 2016). Es kann auch entlastend sein, wenn organisatorische Fragen – etwa zur Beerdigung oder zum Erbe – noch zu Lebzeiten gemeinsam geklärt werden können oder sich das Paar noch Dinge sagen kann, die ihm wichtig sind. Bei plötzlichen Todesfällen bleiben dagegen häufig wichtige Dinge unausgesprochen oder es bleiben offene Fragen zurück.
Vorweggenommene Trauer kann jedoch auch zur Belastung werden – insbesondere wenn sich der Sterbeprozess über Wochen oder Monate hinzieht. In solchen Fällen berichten Hinterbliebene mitunter von chronischem Stress und emotionaler Erschöpfung (Hebert et al., 2006; Rando, 2000).
Dauer der Trauer
Wann ist es genug mit der Trauer? Wann erwartet das Umfeld, dass Hinterbliebene wieder „funktionieren“, zur Arbeit gehen und die schwarze Kleidung ablegen? Viele, die einen nahen Angehörigen verloren haben, berichten, dass Freunde, Kollegen und entfernte Verwandte eine klare Erwartungshaltung haben: Nach sechs bis zwölf Monaten sollte die Trauer überwunden sein und der Hinterbliebene wieder „normal funktionieren“, andernfalls gilt er als problematisch (Rubin & Malkinson, 2001).
Überschreitet ein Hinterbliebener diese von außen gesetzte Zeitgrenze, reagiert sein Umfeld oft verständnislos und zieht sich zurück. Folglich schämt sich der Hinterbliebene und beginnt, seine Trauer zu verstecken (Kersting et al., 2007). Das belastet ihn doppelt. Denn viele beginnen erst jetzt, den Verlust zu spüren und zu verarbeiten. Gleichzeitig nehmen Verständnis und Unterstützung im sozialen Umfeld ab. M. Stroebe (2001) spricht in diesem Zusammenhang vom „sekundären Stressor“ in der Trauer.
Hinterbliebene können über Jahre hinweg trauern
Wie bereits gezeigt, hängen Verlauf und Dauer der Trauer von vielen individuellen Faktoren ab. Das spiegelt sich auch in der Literatur wider. Bonanno et al. (2002) und Prigerson et al. (2009) berichten, dass die meisten Trauernden nach sechs bis zwölf Monaten eine geringere Trauerintensität wahrnehmen als direkt nach dem Todesfall. Das heißt: Die Trauer lässt nach – aber sie verschwindet nicht, wie es das Umfeld oft erwartet.
Stirbt ein naher Angehöriger oder der Partner, dauert die Trauerarbeit in vielen Fällen mehrere Jahre. Bylund-Grenklo et al. (2016) zeigten, dass Jugendliche auch sechs bis neun Jahre nach dem Tod eines Elternteils noch Trauer empfinden. Auch Milic et al. (2017) berichten von deutlich längeren Trauerzeiten. Einige Teilnehmende der Studie berichten, selbst mehr als 60 Jahre nach dem Todesfall noch Trauer zu empfinden. Auch wenn solche Fälle Ausnahmen sind, zeigen sie doch: Es gibt keine feste Grenze, ab der Trauer enden muss oder normalerweise enden sollte.
Wichtig:
Für manche Menschen dauert Trauer ein Leben lang. Im besten Fall versteht das ein unterstützendes Umfeld und bleibt den Hinterbliebenen zugewandt.