Menschen, die trauern, werden von ihrem Umfeld oft als depressiv wahrgenommen. Das kann Folgen für die Trauernden haben, weil das Umfeld sie dann entsprechend behandelt oder sich selbst überfordert fühlt („Was mache ich denn jetzt?“). Dabei liegt bei den meisten Trauernden keine Depression im klinischen Sinn vor.
Dass es dennoch immer wieder zu diesem Trugschluss kommt, liegt daran, dass gesunde Trauer und depressive Episoden ähnliche Symptome aufweisen. Dazu zählen anhaltende Traurigkeit, Rückzug, gestörter Schlaf, verminderter Appetit, Konzentrationsprobleme und ein verminderter Antrieb (Bonanno & Kaltman, 2001; Zisook & Shear, 2009).
Es gibt aber auch Merkmale, die Trauer und depressive Episoden klar voneinander unterscheiden. Trauer verläuft typischerweise in Wellen, die durch Erinnerungen oder bestimmte Ereignisse ausgelöst werden. Dabei sind auch positive Gefühle möglich. Im Gegensatz dazu ist Depression durch eine anhaltend tiefe Stimmung gekennzeichnet, bei der positive Emotionen selten oder gar nicht auftreten (Bonanno & Kaltman, 2001; Zisook & Shear, 2009).
Beim Selbstwertgefühl verhält es sich ähnlich: Während bei Trauer das Selbstwertgefühl meistens stabil bleibt, erleben Personen mit Depression oft intensive Selbstzweifel, Gefühle der Wertlosigkeit und Hoffnungslosigkeit (American Psychiatric Association, 2013; Zisook & Shear, 2009).
Auch die Art der Gedanken unterscheidet sich: In der Trauer kreisen die Gedanken primär um den Verstorbenen und das Bedürfnis nach Verbindung, während in depressiven Episoden häufig eine generalisierte Hoffnungslosigkeit, Selbstanklage und ein schwarzer Blick in die Zukunft dominieren (Zisook & Shear, 2009).
Für Angehörige und Freunde ist es sinnvoll, diese Unterschiede zu kennen, um Trauernde nicht fälschlicherweise als krank anzusehen. Denn oft folgt daraus der gut gemeinte Ratschlag: „Geh doch mal zum Arzt.“ Das nimmt Hinterbliebenen ihren geschützten Raum, den sie für ihre Trauerarbeit benötigen. Stattdessen müssen sie sich rechtfertigen, warum sie nicht zum Arzt gehen. In der Folge ziehen sie sich womöglich zurück – oder übernehmen die Sichtweise ihres Umfeldes und halten sich selbst für krank, nicht normal oder nicht stark genug, um mit dem erlebten Verlust umzugehen.
Komplizierte Trauer
Trauer ist vom Grundsatz her keine Krankheit. In der Regel ist der Mensch in der Lage, mit dem Verlust eines geliebten Menschen klarzukommen – auch wenn er dafür Zeit und Raum benötigt. In einigen Fällen kann es jedoch sein, dass sich Trauer dennoch in eine psychisch belastende Richtung entwickelt. Fachleute sprechen dann von einer komplizierten Trauer.
In der Praxis kann es schwierig sein, die normale Trauer von der komplizierten Trauer zu unterscheiden. Ein klarer Grenzverlauf existiert nicht. Shear (2015) und Steinig und Kersting (2015) geben Anhaltspunkte, wann es für Trauernde sinnvoll sein kann, sich professionelle Hilfe zu holen:
- anhaltender, starker Leidensdruck, der über sechs Monate hinaus besteht oder sich nicht verringert
- Gefühl der Sinnlosigkeit und der Überzeugung, ohne die verstorbene Person nicht leben zu können
- Vermeidung von allem, was an den Verlust erinnert – oder das Gegenteil: ständiges Verharren in Erinnerungen
- sozialer Rückzug, zunehmende Isolation oder Überforderung im Alltag
- Schlaflosigkeit, Panikattacken, Konzentrationsstörungen
- Suizidgedanken oder der Wunsch, bei dem Verstorbenen zu sein
- Gefühl, stecken geblieben zu sein und sich nicht weiterentwickeln zu können
- körperliche Beschwerden durch Trauerreaktionen, zum Beispiel Herzprobleme, chronische Erschöpfung oder Appetitverlust
Mögliche erste Anlaufstellen in solchen Fällen können der Hausarzt, Trauerbegleiterinnen und psychologische Beratungsstellen von Kirchen und Kommunen sein. Auch die Telefonseelsorge und Krisenberatungsstellen können in solchen Fällen helfen oder Unterstützung vermitteln. Sollten sich Trauernde entscheiden, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, ist es ratsam, wenn dieser über Erfahrung in der Trauerarbeit verfügt.
An dieser Stelle ist es mir wichtig, erneut zu betonen, dass – mit Ausnahme der Suizidgedanken – jeder der genannten Punkte Teil einer normalen Trauer sein kann und nicht vorschnell pathologisiert werden sollte.
Wichtig:
Ein passender Zeitpunkt für professionelle Hilfe ist oft dann erreicht, wenn Trauernde das Gefühl haben, dass ihre eigene Kraft nicht mehr ausreicht, um den Alltag zu bewältigen – oder wenn ihr Leidensdruck so groß ist, dass sie gerne Unterstützung in Anspruch nehmen möchten. Das kann auch schon innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Todesfall der Fall sein.
Weitere Auslöser von Trauer
Trauer tritt nicht nur im Zusammenhang mit dem Tod eines Angehörigen, Freundes oder Arbeitskollegen auf. Menschen können auch aus anderen Gründen Trauer empfinden. Grundsätzlich wird Trauer als Reaktion auf einen Verlust verstanden.
Zwei Menschen können Trauer empfinden, wenn sie über eine längere Zeit örtlich voneinander getrennt sind. Dabei geht es ihnen gesundheitlich gut, und der Tod spielt in ihrem Leben gerade keine Rolle.
Aber es müssen nicht einmal Menschen sein, die jemand vermisst. Auch ideelle Verluste können Trauer auslösen – etwa der Verlust eines geliebten Gegenstandes. Dieser Besitz muss materiell gesehen nicht wertvoll sein, kann aber für den Betroffenen eine große persönliche Bedeutung haben. Haben Sie schon einmal ein Kind gesehen, das sein Lieblings-Kuscheltier verloren hat? Das Kind wird vermutlich trauern.
Auch eine ernsthafte Erkrankung kann als Verlust angesehen werden – nämlich als Verlust von Gesundheit oder körperlicher Unversehrtheit. Die Beendigung eines Lebensabschnitts wie die Pensionierung gehören ebenso zu den potenziellen Auslösern von Trauer wie das Misslingen einer wichtigen Prüfung (Dinner, 2019).
All diese Themen spielen in der Krisenintervention keine große Rolle. Dennoch erscheint es mir für das Verständnis des Begriffs Trauer wichtig, ihn umfassend zu betrachten – und nicht nur im Zusammenhang mit dem Tod eines Menschen.