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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Trau­er ver­ste­hen: Ein­bli­cke in Gefüh­le, Gedan­ken und Ver­hal­ten

Hin­weis: Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fe­rin­nen und ‑hel­fer wer­den bei nahe­zu jedem Ein­satz mit dem The­ma Trau­er kon­fron­tiert – aller­dings meist nur mit der Trau­er in den ers­ten Stun­den nach einem Todes­fall. Für Hand­lungs­op­tio­nen, die erst nach Tagen oder Wochen nach einem Todes­fall rele­vant wer­den, gehe ich daher dar­auf ein, was Ange­hö­ri­ge und Freun­de für die Trau­ern­den machen kön­nen. Folg­lich sind bei­spiel­haf­te For­mu­lie­run­gen in Du-Form gehal­ten.

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Wenn ein Mensch stirbt, der uns nahe­steht, trau­ern wir. Trau­er ist – neben Ärger, Freu­de und Angst/Furcht – eine der mensch­li­chen Basis­emo­tio­nen (Eder & Brosch, 2017). Das bedeu­tet, dass alle Men­schen auf der Welt Trau­er emp­fin­den. Die Wahr­neh­mung der Trau­er und der Umgang damit kön­nen sich aller­dings von Mensch zu Mensch deut­lich unter­schei­den.

Was Trau­er eigent­lich bedeu­tet, zeigt sich am eng­li­schen Begriff. Das Wort „bere­a­ve­ment“ bedeu­tet im Ursprung „beraubt wer­den“. Bei einem Todes­fall wird der Hin­ter­blie­be­ne eines (ihm nahe­ste­hen­den) Men­schen beraubt. Die Reak­tio­nen, die Hin­ter­blie­be­ne dar­auf­hin erle­ben, kön­nen viel­schich­tig und sehr inten­siv sein. Wor­den (2011) hat ver­sucht, die Trau­er zu struk­tu­rie­ren und kommt zu dem Schluss, dass sie sich auf vier Ebe­nen äußert: auf der emo­tio­na­len Ebe­ne, der kör­per­li­chen Ebe­ne, der kogni­ti­ven Ebe­ne und auf der Ebe­ne der Ver­hal­tens­wei­sen.

Trau­er auf emo­tio­na­ler Ebe­ne

Auf der emo­tio­na­len Ebe­ne wird Trau­er oft als Tren­nungs­schmerz emp­fun­den und von einer star­ken Sehn­sucht nach der ver­stor­be­nen Per­son beglei­tet (Wag­ner, 2016). Dies geht oft ein­her mit inten­si­ven Gefüh­len wie Wut, Angst und Hilf­lo­sig­keit. Beim Tod einer nahe­ste­hen­den Per­son kann zudem das Gefühl der Ein­sam­keit auf­tre­ten. Manch­mal stel­len sich auch Schuld­ge­füh­le ein, vor allem, wenn Hin­ter­blie­be­ne das Gefühl haben, der Tod des Ange­hö­ri­gen oder Freun­des sei auf ihr eige­nes Ver­säum­nis oder Fehl­ver­hal­ten zurück­zu­füh­ren (sie­he Kapi­tel „Schuld und Schuld­ge­füh­le“). Vie­le Men­schen erle­ben auch eine inne­re Taub­heit und Ver­zweif­lung.

Neben all dem Schmerz kön­nen auch posi­ti­ve Gefüh­le auf­tau­chen – etwa das Gefühl von Erleich­te­rung. Das kommt etwa vor, wenn eine hin­ter­blie­be­ne Frau die Bezie­hung zu ihrem ver­stor­be­nen Mann in Tei­len auch als belas­tend erlebt hat – zum Bei­spiel wenn der Mann pfle­ge­be­dürf­tig oder alko­hol­süch­tig war oder von ihm psy­chi­sche oder kör­per­li­che Gewalt aus­ging.

Manch­mal kön­nen aber auch Klei­nig­kei­ten ein Gefühl der Erleich­te­rung oder sogar Freu­de aus­lö­sen. Ein Mann sag­te mir nach dem Tod sei­ner Frau: „Wis­sen Sie, was? Wis­sen Sie, wor­auf ich mich freue? Mei­ne Frau hat es immer gestört, wenn ich abends im Bett noch lesen woll­te. Das Licht war ihr zu hell. Jetzt kann ich abends so lan­ge im Bett lie­gen und lesen, wie ich möch­te.“ Wenig spä­ter sprach er das aus, was vie­le Hin­ter­blie­be­ne in sol­chen Momen­ten emp­fin­den: Er hat­te wegen sei­ner posi­ti­ven Gefüh­le ein schlech­tes Gewis­sen – obwohl auch posi­ti­ve Emo­tio­nen durch­aus Teil der Trau­er sein kön­nen und Raum zur Ent­fal­tung haben soll­ten.

Trau­er auf kogni­ti­ver Ebe­ne

Auf der kogni­ti­ven Ebe­ne kann sich die Art zu den­ken ver­än­dern. Oft berich­ten Trau­ern­de, dass sie den Tod eines nahe­ste­hen­den Men­schen nicht wahr­ha­ben wol­len oder sich wie in einem Traum füh­len, aus dem sie bald erwa­chen. Cha­rak­te­ris­tisch für sol­che Denk­mus­ter sind Aus­sa­gen wie: „Ich habe den Ein­druck, jeden Moment geht die Tür auf und mein [ver­stor­be­ner] Mann kommt ins Zim­mer.“

Ande­re berich­ten davon, dass sie kon­fus, fah­rig oder lang­sam den­ken. Es kann auch pas­sie­ren, dass sich Hin­ter­blie­be­ne mit neu­en The­men beschäf­ti­gen – ins­be­son­de­re spi­ri­tu­el­ler Natur. Sie fokus­sie­ren sich auf Gott oder begin­nen mit­un­ter, an ihn zu glau­ben. Trau­ern­de kön­nen zudem in den ers­ten Wochen nach dem Todes­fall Sin­nes­täu­schun­gen haben. Sie hören etwa die Stim­me des Ver­stor­be­nen. Auch die­se Reak­ti­on gilt als nor­mal und ist kein Vor­bo­te eines schwie­ri­gen Trau­er­pro­zes­ses. In der Regel klin­gen sol­che Phä­no­me­ne wie­der ab (Jung­bau­er, 2013).

Trau­er auf kör­per­li­cher Ebe­ne

Star­ke emo­tio­na­le Belas­tun­gen kön­nen sich auch in kör­per­li­chen Reak­tio­nen zei­gen. Stu­di­en bele­gen, dass bei den meis­ten Trau­ern­den in den ers­ten bei­den Wochen nach dem Todes­fall eine erhöh­te Herz­fre­quenz sowie erhöh­te Wer­te für Kor­ti­sol – das soge­nann­te Stress­hor­mon – und den Blut­druck fest­ge­stellt wer­den kön­nen (Buck­ley et al., 2011; O’Connor, 2012). Die Nor­ma­li­sie­rung der Wer­te kann meh­re­re Mona­te dau­ern.

Wei­te­re stress­be­ding­te Fol­gen die­ser Aus­nah­me­si­tua­ti­on kön­nen Schlaf- und Ess­stö­run­gen sein, kör­per­li­che Ver­span­nun­gen mit Schmer­zen sowie Herz-Kreis­lauf-Pro­ble­me (Kalu­za, 2014).

Trau­er auf Ver­hal­tens­ebe­ne

Auf der Ver­hal­tens­ebe­ne zie­hen sich Trau­ern­de häu­fig zurück. Einer­seits haben sie oft das Bedürf­nis, allein zu sein, um sich mit der Trau­er, den Ereig­nis­sen und „dem neu­en Leben“ aus­ein­an­der­zu­set­zen – oder auch ein­fach nur, um zur Ruhe zu kom­men. Ande­rer­seits äußern Trau­ern­de immer wie­der, dass sie ihrem Umfeld nicht zur Last fal­len wol­len.

Man­che ent­wi­ckeln eine depres­si­ve Grund­stim­mung, füh­len sich kör­per­lich unwohl und essen weni­ger. Das kann zu Gewichts­ver­lust füh­ren. Ande­re ver­än­dern ihr Ver­hal­ten, indem sie ver­mehrt Alko­hol trin­ken oder zu Medi­ka­men­ten grei­fen.

Man­che Trau­ern­de mei­den Orte, die sie an den Tod des Ver­stor­be­nen erin­nern, und möch­ten Erin­ne­rungs­stü­cke wie Klei­dung rasch aus dem Haus schaf­fen. Ande­re hin­ge­gen pfle­gen die Erin­ne­rung bewusst – oft über lan­ge Zeit hin­weg. Das kann sich in vie­len Ver­hal­tens­wei­sen äußern, etwa durch eine Andachts­stel­le mit Foto und Ker­ze oder dadurch, dass Klei­dungs­stü­cke des Ver­stor­be­nen auf­be­wahrt wer­den. Manch­mal ver­su­chen Hin­ter­blie­be­ne auch, den ver­trau­ten Duft des Ver­stor­be­nen zu bewah­ren. Man­che Eltern las­sen das Zim­mer eines ver­stor­be­nen Kin­des über vie­le Mona­te hin­weg unver­än­dert – als einen Ort der Erin­ne­rung.

Sei­te 2/8

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