Wie gehen wir eigentlich mit Trauer um? Was passiert in uns, wenn wir versuchen, einen Verlust zu bewältigen? Klar ist: Wer den Tod eines nahestehenden Menschen auf gesunde Weise verarbeiten will, kommt nicht an der Trauer vorbei. Es gibt keine Abkürzung – und niemand kann uns die Trauer abnehmen. Trauermodelle versuchen seit über 50 Jahren, genau diesen inneren Prozess zu erklären. Keine Sorge – ich bleibe hier bewusst an der Oberfläche der verschiedenen Theorien. Zur Orientierung stelle ich drei bekannte Modelle vor, um zu zeigen, welche Vorstellungen heute noch relevant sind – und welche überholt.
Phasenmodell nach Kübler-Ross
Das erste sogenannte „Phasenmodell der Trauer“ legte Kübler-Ross (1969) vor. Ihrer Theorie zufolge durchläuft jeder Trauernde fünf Phasen: Nichtwahrhabenwollen, Wut, Feilschen, Depression und Akzeptanz. Dabei – so die Theorie – durchläuft jeder diese Phasen in genau dieser Reihenfolge.
Auch wenn dieses oder ähnliche Phasenmodelle der Trauer in der Öffentlichkeit weiterhin präsent sind, gelten sie in der Fachwelt heute als überholt. Der Hauptkritikpunkt: Diese Modelle gehen von einem linearen Ablauf aus – und werden damit der Realität individueller Trauerverläufe oft nicht gerecht.
Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass Trauer gewissen Mustern folgt – jedoch nicht in starren, aufeinanderfolgenden Phasen. Vielmehr können sich Trauerreaktionen überlappen, wiederholen oder gleichzeitig auftreten (Maciejewski et al., 2007).
Pendelmodell nach Stroebe und Schut
Ein heute in der Psychologie anerkanntes und aktuelles Modell ist das Pendelmodell von M. Stroebe und Schut (1999). Es stellt eine Weiterentwicklung der traditionellen Phasenmodelle dar. Im Zentrum stehen dynamische Prozesse, die individuelle Unterschiede im Trauerverlauf berücksichtigen. Das Modell geht davon aus, dass trauernde Menschen zwischen zwei Polen pendeln:
In der verlustorientierten Phase liegt der Fokus auf dem Schmerz über den erlittenen Verlust. Emotionen wie Traurigkeit, Sehnsucht, Schuld oder Wut stehen im Vordergrund. Trauernde erinnern sich intensiv an die verstorbene Person, durchleben Erinnerungen und weinen.
In der wiederherstellungsorientierten Phase setzen sich die Betroffenen mit den neuen Lebensbedingungen auseinander. Sie erlernen neue Rollen (etwa allein zu leben oder Aufgaben des verstorbenen Partners zu übernehmen), kehren zur Arbeit zurück, entwickeln neue Routinen und knüpfen soziale Kontakte. In dieser Phase wenden sie sich oft bewusst von Trauerthemen ab – als Form der Entlastung.
Menschen mit einer gesunden Trauerverarbeitung wechseln typischerweise zwischen beiden Phasen hin und her. Daher stammt der Name „Pendelmodell“. M. Stroebe und Schut (1999) bieten damit eine realistische Sichtweise, die der Komplexität von Trauer gerecht wird. Das Modell gibt Raum für Rückschritte, Ambivalenz und individuelle Wege – und widerspricht der Vorstellung, dass Trauer linear in Phasen abgearbeitet wird. Darüber hinaus berücksichtigt es kulturelle Unterschiede, individuelle Bewältigungsstrategien sowie soziale Rahmenbedingungen. Es umfasst sowohl emotionale als auch praktische Aspekte der Trauer (M. Stroebe & Schut, 1999; M. Stroebe et al., 2017).
Kaleidoskop des Trauerns nach Paul
Ein weiteres, modernes Trauermodell stammt von Paul (2018b). Das „Kaleidoskop des Trauerns“ ist ein praxisnahes Konzept, das in der psychosozialen Begleitung vor allem im deutschsprachigen Raum Anwendung findet. Es basiert auf Pauls langjähriger Erfahrung als Trauerbegleiterin und wurde bislang nicht wissenschaftlich evaluiert. Trotzdem stelle ich es vor, weil es meiner Meinung nach sehr gut veranschaulicht, welche inneren Prozesse bei trauernden Menschen ablaufen – und das auf eine greifbare, lebensnahe Weise.
Paul unterscheidet in ihrem Modell sechs Facetten:
- Überleben: Die grundlegenden Lebensfunktionen aufrechterhalten.
- Wirklichkeit begreifen: Verstehen, dass ein geliebter Mensch gestorben ist.
- Gefühle spüren und zulassen.
- Sich anpassen: Ein neues Leben ohne den Verstorbenen beginnen.
- Verbunden bleiben: unter anderem durch Erinnerungen, Rituale oder Anekdoten.
- Einordnen und bewerten: Was hat dieser Tod mit mir gemacht?
Jeder dieser Aspekte ist in Pauls Bildsprache eine farbige Glasperle im Kaleidoskop. Wie sich die Steinchen im Kaleidoskop bei jeder Bewegung neu anordnen, so verändert sich auch das Erleben von Trauer – mal steht eine Facette im Vordergrund, mal tritt sie zurück. Manchmal erscheinen auch zwei gleichzeitig.
Mich überzeugt dieses Modell, weil es der Individualität trauernder Menschen gerecht wird. Jeder Mensch trauert anders, setzt andere Schwerpunkte, reagiert verschieden auf den Tag, die Stunde, die Minute. Die Veränderungen im Kaleidoskop spiegeln diese Vielschichtigkeit – bis hin zu scheinbaren Widersprüchen. Denn es ist möglich, dass jemand gerade noch allein sein möchte – und eine Stunde später das Bedürfnis hat, unter Menschen zu sein. Genau darin liegt meiner Meinung nach die Stärke dieses Modells.