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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Alters­ab­hän­gi­ge Hand­lungs­op­tio­nen

Zu den bis hier­hin genann­ten all­ge­mei­nen Hand­lungs­op­tio­nen gibt es wei­te­re, die auf die spe­zi­el­len Alters­grup­pen zuge­schnit­ten sind. Auch hier gilt, dass die Alters­gren­zen nur einen Anhalts­punkt dar­stel­len und nicht im Sin­ne einer har­ten Gren­ze zu ver­ste­hen sind.

Kin­der bis 3 Jah­re

  • Für Kin­der in die­sem Alter ist es wich­tig, das durch den Todes­fall ohne­hin erschüt­ter­te Umfeld ansons­ten mög­lichst sta­bil zu hal­ten. Das ver­schafft dem Kind Sicher­heit und ver­mei­det, dass es die exis­ten­zi­el­le Bedro­hung als noch grö­ßer wahr­nimmt. Erreicht wer­den kann dies durch fol­gen­de Hand­lungs­wei­sen:
  • Ver­läss­li­che Bezugs­per­son: Für Kin­der in die­sem Alter ist es ent­schei­dend, zu spü­ren, dass ihnen eine ver­trau­te Bezugs­per­son zuver­läs­sig zur Ver­fü­gung steht. Wei­te­re Tren­nungs­er­fah­run­gen kön­nen das Kind poten­zi­ell wei­ter belas­ten, zum Bei­spiel, wenn es vor­über­ge­hend bei Freun­den oder Nach­barn unter­ge­bracht wird.
  • Kör­per­li­che Nähe und Gebor­gen­heit: In die­sem Alter ist Kör­per­kon­takt zen­tral. Getra­gen zu wer­den, Beru­hi­gung und gemein­sa­mes Kuscheln ver­mit­teln Kin­dern den Halt, den sie benö­ti­gen.

Rou­ti­nen sind wich­tig

  • Rou­ti­nen bei­be­hal­ten: Fes­te Tages­ab­läu­fe geben Kin­dern Sicher­heit. Des­halb soll­ten nach Mög­lich­keit fes­te Schla­fens­zei­ten bei­be­hal­ten wer­den, eben­so die Zei­ten für die Mahl­zei­ten. Auch wei­te­re Rou­ti­nen soll­ten fort­ge­führt wer­den, bei­spiels­wei­se das Erzäh­len einer Gute-Nacht-Geschich­te.
  • Kla­re Spra­che ver­wen­den: Kin­der haben die bes­te Chan­ce, die Ereig­nis­se zu ver­ste­hen, wenn sie von Erwach­se­nen kur­ze, kon­kre­te Erklä­run­gen erhal­ten („Papa ist gestor­ben. Er kommt nicht wie­der.“). Da das Ver­ständ­nis von Kin­dern in die­sem Alter sehr begrenzt ist, sind Wie­der­ho­lun­gen über die Zeit hin­weg wich­tig.

Sprach­ge­brauch:
Beschö­ni­gun­gen und Umschrei­bun­gen wie „Papa ist ein­ge­schla­fen“ oder „Papa ist von uns gegan­gen“ über­for­dern das Ver­ständ­nis von Kin­dern. Sie kön­nen dadurch Ängs­te ent­wi­ckeln, bei­spiels­wei­se, dass sie nach dem Ein­schla­fen nicht mehr auf­wa­chen oder dass auch Mama nicht mehr nach Hau­se kommt, wenn sie die Woh­nung ver­lässt („Papa ist von uns gegan­gen.“). Auf sol­che For­mu­lie­run­gen soll­te des­halb ver­zich­tet wer­den – auch bei älte­ren Kin­dern.

  • Gefüh­le spie­geln und zulas­sen: Kin­der in die­sem Alter reagie­ren weni­ger auf den Todes­be­griff als auf die Trau­er­stim­mung. Erwach­se­ne kön­nen hel­fen, die­se Gefüh­le ein­zu­ord­nen („Du bist trau­rig, weil Mama nicht mehr da ist.“) und zei­gen, dass die­se Gefüh­le erlaubt sind.
  • Sym­bo­li­sche Aus­drucks­mög­lich­kei­ten bie­ten: Auch Klein­kin­der kön­nen einen mensch­li­chen Ver­lust ver­ar­bei­ten, indem sie malen oder spie­len, gemein­sam mit einer Bezugs­per­son Fotos des oder der Ver­stor­be­nen anschau­en und klei­nen Ritua­len nach­ge­hen – zum Bei­spiel, indem sie ein Foto der ver­stor­be­nen Per­son strei­cheln oder ihr „Gute Nacht“ sagen, bevor sie ins Bett gehen. Es kann auch ein Kuschel­tier aus­ge­wählt wer­den, das an den Ver­stor­be­nen erin­nert.

Kin­der zwi­schen 3 und 5 Jah­ren

Für Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fe­rin­nen und ‑hel­fer dürf­te es schwie­rig sein, mit Kin­dern in die­sem Alter direkt in Kon­takt zu kom­men. Vor allem in hek­ti­schen und unsi­che­ren Momen­ten wie nach einem Todes­fall suchen Kin­der eher die Nähe ihrer Bezugs­per­so­nen und mei­den frem­de Men­schen. Ein Ted­dy­bär kann hier äußerst hilf­reich sein, weil er eine Brü­cke zwi­schen den Hel­fen­den und dem Kind baut.

Idea­ler­wei­se haben Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­teams beim Ein­satz mit Kin­dern sol­che flau­schi­gen Ted­dys dabei. Der Ted­dy ist in die­sem Fall nicht nur ein Geschenk oder ein Spiel­zeug für das betrof­fe­ne Kind. Über ihn kann das Kind Sicher­heit gewin­nen sowie Nähe und Distanz regu­lie­ren. Daher ist es wich­tig, dass bei Ein­sät­zen mit meh­re­ren Kin­dern jedes Kind einen eige­nen Ted­dy bekommt. Ein Kind, das – im Gegen­satz zu sei­nem Geschwis­ter­chen – leer aus­geht, kann ver­un­si­chert wer­den. Das ist auch durch eine Erklä­rung wie „Wir haben lei­der nur einen dabei“ kaum auf­zu­fan­gen.

Stoff­tier ermög­licht Zugang zu einem Kind

Der fel­li­ge Freund ermög­licht es den Hel­fen­den, nicht das Kind direkt anzu­spre­chen und zu fra­gen, was es emp­fin­det („Bist du trau­rig?“). Die Fra­ge kann nun lau­ten: „Ist der Ted­dy trau­rig?“ So füh­len sich Kin­der nicht unter Druck gesetzt, über sich selbst zu spre­chen. Sie kön­nen ihre Gefüh­le auf den Ted­dy pro­ji­zie­ren („Der Ted­dy hat Angst.“) und dadurch ihre Emo­tio­nen zei­gen.

Hel­fen­de kön­nen auf die­se Wei­se über den gesam­ten Ein­satz hin­weg mit dem Kind in Kon­takt blei­ben und gemein­sam mit ihm nach einer Lösung suchen, damit der Ted­dy kei­ne Angst mehr haben muss. So sind auch ein­fa­che Fra­gen mög­lich wie: „Will der Ted­dy wis­sen, wo die Mama ist?“

Das Stoff­tier kann für das Kind außer­dem zu einem ver­trau­ten Beglei­ter wer­den. Wenn es den Ted­dy in der Hand hält, kann ihm das Sicher­heit ver­mit­teln. Das ist ins­be­son­de­re dann hilf­reich, wenn die Bezugs­per­son das Kind kurz ver­las­sen muss, um bei­spiels­wei­se mit einer Ein­satz­kraft oder dem Arzt zu spre­chen.

Der Ted­dy kann auch Kin­dern über fünf Jah­ren ange­bo­ten wer­den.

Wei­te­re Hand­lungs­op­tio­nen

  • Wie­der­ho­lun­gen zulas­sen: Kin­der stel­len immer wie­der die­sel­ben Fra­gen („Wann kommt Mama zurück?“). Das ist kein Zei­chen von Unauf­merk­sam­keit oder der Suche nach Auf­merk­sam­keit, son­dern Aus­druck der Ver­ar­bei­tung. Gedul­di­ge und ruhi­ge Wie­der­ho­lun­gen mit ein­fa­chen, kla­ren und kur­zen Sät­zen hel­fen dem Kind, die Situa­ti­on zu ver­ste­hen.
  • Über­in­for­ma­ti­on ver­mei­den: Kin­der in die­sem Alter stel­len bereits sehr kon­kre­te Fra­gen („Kann Mama noch atmen?“, „Tut das weh?“). Ant­wor­ten soll­ten immer ehr­lich, klar und knapp gehal­ten wer­den. So erhält das Kind die gewünsch­te Infor­ma­ti­on, ohne über­for­dert zu wer­den. Knap­pe Ant­wor­ten geben dem Kind die Mög­lich­keit, selbst zu ent­schei­den, ob es noch wei­te­re Infor­ma­tio­nen haben und eine wei­te­re Fra­ge stel­len möch­te oder ob es für den Moment genug ist.
  • Bezugs­per­son als siche­rer Anker: Kin­der in die­sem Alter haben ein star­kes Bin­dungs­be­dürf­nis. Des­halb ist es – wie bereits bei den jün­ge­ren Kin­dern – hilf­reich, die Bezugs­per­son des Kin­des so gut es geht ver­füg­bar zu machen, anstatt es lan­ge in frem­den Hän­den zu las­sen. Idea­ler­wei­se erfolgt die Inter­ven­ti­on unter­stüt­zend an der Sei­te der Bezugs­per­son. Ist rea­lis­tisch abseh­bar, dass die Bezugs­per­son beim Kind blei­ben kann, kann sie dies auch klar benen­nen: „Ich blei­be jetzt bei dir.“ Das ver­mit­telt dem Kind Sicher­heit. Wich­tig ist jedoch, dass sich das Kind auf die­se Aus­sa­ge ver­las­sen kann.
  • Spiel als Aus­drucks­mög­lich­keit nut­zen: Nicht nur der Ted­dy kann Kin­dern nach einem Todes­fall hel­fen, ihre Gefüh­le aus­zu­drü­cken. Das ist auch über Pup­pen und ande­re Figu­ren mög­lich. Kin­der kön­nen zudem malen, um ihre Emo­tio­nen zu zei­gen. Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fe­rin­nen und ‑hel­fer kön­nen sich vor­sich­tig an dem Spiel betei­li­gen, um The­men dar­aus auf­zu­grei­fen – aller­dings ohne Druck auf­zu­bau­en. Viel­leicht möch­te das Kind spie­len, um sich abzu­len­ken und nicht über die aktu­el­len Ereig­nis­se zu spre­chen. In die­sem Fall freut es sich sicher­lich über jeman­den, der das akzep­tiert und ein­fach nur mit ihm spielt.

Wie erklä­ren wir Kin­dern in die­sem Alter, was der Tod bedeu­tet und wie sie mit ihm umge­hen kön­nen? Hier eini­ge Bei­spie­le, die sich in der Ver­gan­gen­heit bewährt haben:

  • „Opa ist gestor­ben. Sein Kör­per funk­tio­niert nicht mehr. Das heißt, er kann jetzt nicht mehr atmen / essen / lau­fen.“
  • „Tot sein tut nicht weh. Opas Kör­per hat auf­ge­hört zu arbei­ten. Er spürt jetzt nichts mehr.“
  • „Opa kann nicht mehr zurück­kom­men. Sein Kör­per funk­tio­niert nicht mehr.“ Die­se For­mu­lie­rung eig­net sich bes­ser als zu sagen, dass Opa „nie mehr“ kommt, weil Kin­der zeit­lich abs­trak­te Begrif­fe wie „nie“ noch nicht ver­ste­hen.
  • „Ich sehe, dass du trau­rig bist. Ich bin auch trau­rig. Wir kön­nen zusam­men trau­rig sein.“
  • „Du darfst wei­nen, wenn du magst.“ / „Du darfst spie­len, wenn du magst.“
  • Bei reli­giö­sen Welt­an­schau­un­gen, die ein Leben nach dem Tod beinhal­ten, ist es wich­tig, immer klar­zu­stel­len, dass der Kör­per nicht mehr funk­tio­niert. Sonst besteht das Risi­ko, dass bei dem Kind Miss­ver­ständ­nis­se auf­kom­men.
  • Erwach­se­ne müs­sen nicht auf alles eine Ant­wort haben. Sie dür­fen das in die­sem Fall offen kom­mu­ni­zie­ren: „Das weiß ich nicht, aber wol­len wir mal gemein­sam dar­über nach­den­ken?“

Sei­te 8/12

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