Wenn es zu einem Todesfall kommt, sind regelmäßig auch Kinder und Jugendliche von diesem Verlust betroffen – als Tochter oder Sohn, als Geschwisterchen oder schlicht als Freundin oder Freund eines Altersgenossen. Eltern sind dann doppelt gefordert: Sie müssen nicht nur selbst mit dem Todesfall klarkommen, sondern sich im nächsten Schritt auch Gedanken darüber machen, wie sie mit ihrer Tochter oder ihrem Sohn umgehen. Schnell geht es um die Frage: „Binde ich das Kind in das Geschehen ein oder halte ich es von allem fern und gebe es zu den Nachbarn?“
In Deutschland tendieren viele Erwachsene dazu, ihre Kinder schützen zu wollen, indem sie sie von dem Todesfall fernhalten. Die Forschung zeigt jedoch, dass dieser gut gemeinte Ausschluss mehr schaden als helfen kann. Unterstützen Erwachsene Kinder und Jugendliche stattdessen in einer altersgerechten Weise dabei, mit der Verlusterfahrung umzugehen, haben sie das Potenzial, auf gesunde Weise damit umzugehen (Lerner et al., 2018).
Erwachsene sprechen über ihre Trauererfahrung als Kind
Auch Erwachsene, die als Kind oder Jugendliche einen nahen Angehörigen verloren haben, äußern sich rückblickend meist dahingehend, dass sie nach dem Ereignis gerne mehr Informationen im Zusammenhang mit dem Tod erhalten hätten und von Anfang an in das Geschehen und die Rituale mit eingebunden worden wären (Köppel, 2011). Genau das gilt heute auch als der passende Weg im Umgang mit hinterbliebenen Kindern und Jugendlichen: sie altersgerecht mitzunehmen. Um zu verstehen, was „altersgerecht“ konkret bedeutet, ist es wichtig zu verstehen, wie Kinder den Tod wahrnehmen.
Wichtig: Auch wenn sich Fachleute einig sind, dass es sinnvoll ist, Kinder nach dem Tod eines nahen Angehörigen in das Geschehen einzubinden, haben die Eltern das letzte Wort. Sollten sie nach einem Gespräch mit einer Kriseninterventionshelferin oder einem ‑helfer dennoch darauf bestehen, ihre Kinder davon auszuschließen, zählt der Wille der Eltern.
Todesverständnis von Kindern und Jugendlichen
Was genau Kinder und Jugendliche unter dem Tod verstehen, ist stark von ihrem Alter abhängig. Das Verständnis von Tod und Sterben ist nicht angeboren, sondern muss erlernt werden. Wie schnell Kinder und Jugendliche ein „erwachsenes Todesverständnis“ entwickeln, hängt unter anderem von ihrer kognitiven Entwicklung ab. Nach Piaget (1954) beginnen Kinder ab etwa 7 Jahren, konkrete Zusammenhänge logisch zu durchdenken, während Jugendliche ab etwa 11 Jahren zunehmend in der Lage sind, abstrakt und hypothetisch zu denken.
Neben den kognitiven Fähigkeiten spielen auch die bisherigen Erfahrungen eine Rolle, die Kinder und Jugendliche bereits mit dem Thema Tod gemacht haben. Hat ein Kind beispielsweise schon ein Haustier oder einen nahen Angehörigen wie den Großvater verloren? Auch der Umgang der Eltern mit dem Tod ist bei der Entwicklung des Todesverständnisses von Bedeutung. Wird das Thema zu Hause offen angesprochen oder eher tabuisiert?
Deshalb ist es wichtig, die Altersgrenzen in den folgenden Abschnitten nicht als feste Grenzen zu verstehen, sondern eher als Orientierungshilfe. Wie in anderen Bereichen des Lebens auch, kann bei zwei gleichaltrigen Kindern das eine ein weiter entwickeltes Todesverständnis haben als das andere.
Vier Komponenten des Todes
Um das Todesverständnis von Kindern und Jugendlichen besser zu begreifen, ist es zunächst wichtig, sich die vier Komponenten anzuschauen, die dabei eine tragende Rolle spielen (Speece & Brent, 1984). Das sind:
• Nonfunktionalität: Tod bedeutet Stillstand aller Körperfunktionen.
• Irreversibilität: Der Tod ist nicht umkehrbar.
• Universalität: Der Tod betrifft alle Lebewesen.
• Kausalität: Die Ursache des Todes ist biologisch bedingt.
Das Verständnis des Todes entsteht schrittweise. Es umfasst nicht nur kognitive Aspekte – also das Begreifen, dass der Tod endgültig ist –, sondern auch emotionale und soziale Dimensionen. Kinder und Jugendliche müssen lernen, diese Erfahrung in ihre Lebenswelt zu integrieren. Schauen wir uns diese Entwicklung im Detail an.