Kinder und Jugendliche in diesem Alter können zunehmend als eigene Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Die größte Herausforderung im Umgang mit dieser Altersklasse kann in den Gegensätzen liegen, die Mädchen und Jungen ausstrahlen. Mit steigendem Alter fühlen sie sich erwachsen und möchten stark wirken. Andererseits suchen sie weiterhin Schutz und Orientierung. Dieses Spannungsfeld gilt es auszuhalten. Bestenfalls signalisieren Erwachsene sogar Verständnis dafür: „Es ist völlig normal, wenn du dich in einem Moment stark fühlst und im nächsten Moment den Eindruck hast, dass dir alles zu viel wird.“
Weitere Handlungsoptionen können sein:
- Rückzug respektieren: Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren ziehen sich oft zurück. Für sie ist eine Balance zwischen Nähe und Autonomie für die Trauerbewältigung zentral. Erwachsene können das unterstützen, indem sie diese Möglichkeit anbieten und gleichzeitig betonen, dass sie jederzeit präsent und ansprechbar sind, falls das nötig sein sollte („Es ist okay, wenn du auch mal allein sein willst. Gleichzeitig weißt du: Wir sind immer da, wenn du uns brauchst.“).
- Fragen ernst nehmen und beantworten: Jugendliche in diesem Alter stellen häufig konkrete und manchmal sehr detaillierte Fragen. Erwachsene sollten diese aufgreifen, sachlich und altersgerecht beantworten und gleichzeitig prüfen, ob sich hinter den Fragen unausgesprochene Ängste verbergen („Es klingt so, als würdest du dir viele Gedanken darüber machen, was genau passiert ist. Wir können das Schritt für Schritt durchgehen.“).
Freunde spielen eine zunehmend wichtige Rolle
- Peergroup einbeziehen: Für Kinder und Jugendliche in diesem Alter gewinnen Freunde und Klassenkameraden zunehmend an Bedeutung. Kriseninterventionshelferinnen und ‑helfer können den Kontakt zu Gleichaltrigen fördern und Eltern dafür sensibilisieren, Gespräche im Freundeskreis zuzulassen. Für Kinder und Jugendliche wirkt es oft entlastend, wenn Eltern sie zu entsprechenden Gesprächen ermutigen. So haben Jugendliche nicht das Gefühl, Dinge nach außen zu tragen, die eigentlich innerhalb der Familie bleiben sollten („Wenn es dir schwerfällt, etwas in der Familie zu erzählen, gibt es vielleicht jemanden in deinem Freundeskreis, dem du dich anvertrauen kannst.“).
- Individuelle Ausdruckswege fördern: Helfende können anregen, dass Jugendliche ihre Gefühle durch Schreiben, Zeichnen, Musik oder symbolische Handlungen ausdrücken. Auch Humor oder Rückzug sind mögliche Formen der Trauer und sollten nicht abgewertet werden („Wenn du mal lachen musst oder einen Witz machst, ist das nicht respektlos. Humor kann ein Weg sein, mit Traurigkeit umzugehen.“).
Jugendliche in diesem Alter beginnen zu hinterfragen, wie sie mit Hinterbliebenen umgehen sollen. Ist beispielsweise der Großvater gestorben, sind sie unsicher, wie sie sich der Oma gegenüber verhalten können. Was können sie ansprechen? Was nicht? In diesem Fall können folgende Hinweise für Jugendliche sehr entlastend wirken:
• „Du kannst Oma einfach sagen: Es tut mir leid, dass Opa gestorben ist. Schon ein einfacher Satz zeigt, dass du mitfühlst.“
• „Manchmal reicht es, einfach bei ihr zu sitzen, ohne viel zu reden.“
• „Du darfst sie in den Arm nehmen, wenn du das möchtest. Körperliche Nähe tut vielen gut.“
• „Wenn dir nichts einfällt, kannst du auch sagen: Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist ehrlich und völlig in Ordnung.“
• „Du kannst ihr anbieten, kleine Dinge zu erledigen – zum Beispiel den Tisch zu decken oder etwas einzukaufen. Das sind Gesten, die zeigen: Ich bin da.“
• „Auch gemeinsam Fotos anzuschauen oder über Erinnerungen zu sprechen, kann Oma gut tun.“
• „Es ist nicht deine Aufgabe, Oma wieder fröhlich zu machen. Deine Nähe allein hilft schon.“
• „Du darfst traurig sein und musst nicht stark wirken, nur um für Oma da zu sein.“
Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren
Bei Jugendlichen in diesem Alter kann es vorkommen, dass sie sich nach einem Todesfall zurückziehen. Unter dem Eindruck starker Emotionen fühlen sie sich allein in ihrem Zimmer oder bei Freunden mitunter sicherer als im familiären Umfeld oder im Gespräch mit Kriseninterventionshelferinnen und ‑helfern. Bleiben sie jedoch bei der Familie oder sind offen für ein Gespräch mit einer Helferin oder einem Helfer, ist es oft hilfreich, den Kontakt auf Augenhöhe zu suchen – ohne pädagogischen Unterton oder vorschnelle Deutungen.
Eine einfache, ehrliche Sprache wirkt am besten. Jugendliche in diesem Alter spüren sofort, wenn jemand „zu freundlich“ oder „zu professionell“ klingt. Wichtig ist, ihnen das Gefühl zu geben, dass jede Reaktion legitim ist – auch Wut, Gleichgültigkeit, Verdrängung und Sarkasmus. Es gibt keinen Weg, „richtig“ zu trauern.
Mögliche Sätze, die Kriseninterventionshelferinnen und ‑helfer nutzen können, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, sind zum Beispiel: „Ich habe den Eindruck, dass das alles ziemlich viel ist. Du musst jetzt gar nichts sagen, kannst aber, wenn du möchtest. Wenn es für dich okay ist, bleibe ich einfach einen Moment hier.“ Oder: „Es ist völlig in Ordnung, wenn du gerade keine Lust hast zu reden. Wenn du aber willst, kannst du mir erzählen, was dir im Kopf herumgeht – auch wenn es durcheinander ist.“
- Balance zwischen Halt und Freiheit: Eltern stehen in dieser Phase vor einer besonderen Herausforderung. Jugendliche brauchen gleichzeitig Halt und Freiheit. Zu viel Fürsorge wirkt kontrollierend, zu viel Distanz kann zur Vereinsamung führen. Hilfreich ist es, das Thema behutsam, aber offen anzusprechen und den Jugendlichen zu signalisieren, dass Gefühle nicht bewertet werden.
Entlastend kann auch sein, ihnen zu vermitteln, dass Gespräche mit Freunden erlaubt sind, sie aber auch zu Hause jederzeit auf offene Ohren stoßen. Mögliche Formulierungen sind: „Ich weiß, du willst dein eigenes Ding machen, aber wenn dich etwas bedrückt, bin ich da. Und wenn du lieber mit jemand anderem reden willst, ist das auch okay.“ Oder: „Ich verstehe, dass du raus willst und dich mit Freunden treffen möchtest. Das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist nur, dass du weißt: Du musst das nicht allein schaffen.“ - Treffen mit anderen: Jugendliche in dieser Altersgruppe profitieren häufig von der Möglichkeit, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, die Ähnliches erlebt haben. Trauergruppen oder Schulprojekte können wertvolle Räume bieten, sofern sie freiwillig besucht werden und von Personen begleitet werden, die nicht moralisieren, sondern unterstützen.
Wie passt der Todesfall ins eigene Leben?
- Verhaltensänderungen beobachten: In manchen Fällen versuchen Jugendliche, ihre Trauer zu kompensieren – durch übermäßige Aktivität, Leistung, exzessiven Sport, Rückzug in virtuelle Welten oder riskantes Verhalten. Eltern sollten solche Veränderungen ernst nehmen, ohne sie vorschnell zu problematisieren. Eine mögliche Ansprache wäre: „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum schläfst und ständig unterwegs bist. Ich frage das nicht, um dich zu kontrollieren, sondern weil ich mir Sorgen mache. Wie geht es dir wirklich?“
- Integration des Verlusts ins eigene Leben: In dieser Lebensphase steht häufig die Frage im Vordergrund, wie der Verlust eines nahen Angehörigen in das eigene Leben integriert werden kann. Jugendliche suchen nach einer Haltung, mit der sie weiterleben können, ohne die Verbindung zur verstorbenen Person zu verlieren. Das kann bedeuten, Erinnerungen in die eigene Biografie einzubauen – durch Musik, Fotos, Symbole oder gemeinsame Orte. Manche Jugendliche schreiben Briefe an den Verstorbenen, andere bewahren einen bestimmten Gegenstand als Erinnerung auf, wieder andere sprechen selten darüber, tragen den Verlust jedoch innerlich mit sich.
Unterstützung bedeutet in dieser Phase, Jugendlichen zu helfen, ihre eigene Form des Weiterlebens zu finden – nicht, sie zu einer bestimmten Art des Trauerns zu bewegen. Helfende und Eltern können anregen, sich Fragen zu stellen wie: „Was bleibt dir wichtig an der Person, die gestorben ist?“ oder „Gibt es etwas, das du von ihr behalten möchtest – nicht nur als Erinnerung, sondern als Teil von dir?“ So wird deutlich: Trauer ist nicht nur Rückblick, sondern auch ein Prozess, in dem Jugendliche lernen, den Verlust in ihr Selbstbild zu integrieren. Ziel ist es, eine innere Verbindung zu bewahren, ohne dass der Schmerz das Leben dauerhaft bestimmt, und ab einem gewissen Zeitpunkt die Möglichkeit zu haben, den Blick wieder nach vorne zu richten.