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Krisenintervention in Notfällen

Hinweise für die psychische Erste Hilfe

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Kin­der und Jugend­li­che zwi­schen 10 und 14 Jah­ren

Kin­der und Jugend­li­che im Alter von 10 bis 14 Jah­ren ver­fü­gen in der Regel über ein weit­ge­hend aus­ge­reif­tes Kon­zept vom Tod, das sich dem Ver­ständ­nis Erwach­se­ner stark annä­hert – zumin­dest auf kogni­ti­ver Ebe­ne. Trotz­dem bleibt die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Tod in die­sem Alter oft ambi­va­lent, emo­tio­nal wider­sprüch­lich und stark von der psy­chi­schen Rei­fe sowie dem per­sön­li­chen Umfeld abhän­gig.

Die meis­ten ver­ste­hen jetzt, dass bio­lo­gi­sche Ursa­chen wie Krank­hei­ten oder Unfäl­le zum Tod füh­ren. Sie begrei­fen auch, dass alle Lebe­we­sen frü­her oder spä­ter ster­ben – ein­schließ­lich ihrer selbst. Den­noch bleibt der Tod in der Vor­stel­lung vie­ler Kin­der und Jugend­li­cher eng mit dem Alter ver­knüpft; es ster­ben vor allem älte­re Men­schen. Sie ver­ste­hen zudem, dass nach dem Tod alles auf­hört – Den­ken, Füh­len und Atmen.

In die­ser Pha­se begin­nen reli­giö­se oder kul­tu­rel­le Vor­stel­lun­gen vom Tod eine Rol­le zu spie­len – etwa die Idee eines Lebens nach dem Tod oder einer Wie­der­ge­burt. Sol­che Kon­zep­te kön­nen Trost spen­den, aber auch Kon­flik­te aus­lö­sen, beson­ders wenn das fami­liä­re Umfeld unter­schied­li­che Über­zeu­gun­gen ver­tritt.

Zwi­schen Cool­ness und emo­tio­na­ler Über­for­de­rung

Das Inter­es­se am The­ma wächst, doch beschäf­ti­gen sich Kin­der und Jugend­li­che meist allein mit ihren Fra­gen dazu. Sie begin­nen auch, über den Sinn des Lebens und des Ster­bens nach­zu­den­ken, manch­mal auch in zyni­scher Form („War­um über­haupt leben, wenn man eh stirbt?“).

Die­se Alters­klas­se wirkt nach außen oft kon­trol­liert und cool, wobei es inner­lich stark bro­deln kann. Aus Scham oder aus Angst, schwach zu wir­ken, spre­chen vie­le nicht ger­ne über ihre Gefüh­le. Sie kön­nen sich nicht nur emo­tio­nal, son­dern auch räum­lich zurück­zie­hen. Wenn die Fami­lie direkt nach einem Todes­fall zusam­men im Wohn­zim­mer sitzt, bevor­zu­gen vie­le Jugend­li­che, in ihr Zim­mer zu gehen und allein zu sein.

Auch Kin­der und Jugend­li­che zwi­schen 10 und 14 Jah­ren stel­len Fra­gen zum Tod, die oft reflek­tier­ter und tief­grün­di­ger sind als bei Jün­ge­ren. Man­che die­ser Fra­gen zei­gen bereits eine beacht­li­che phi­lo­so­phi­sche Tie­fe, ande­re sind Aus­druck von Ver­un­si­che­rung oder Angst. Vie­le die­ser Fra­gen wer­den nicht offen gestellt, son­dern nur ange­deu­tet – gera­de bei Jugend­li­chen, die sich nicht mehr wie „Kin­der“ füh­len, aber mit ihren Gefüh­len über­for­dert sind.

• „Wie lan­ge dau­ert es, bis man im Grab ver­west?“
• „Wie weiß man, dass jemand wirk­lich tot ist?“
• „Was kommt danach?“
• „War­um pas­siert so etwas aus­ge­rech­net uns?“
• „Ich weiß, dass der Tod dazu­ge­hört, aber ich will ein­fach nicht, dass es pas­siert.“
• „Er ist tot, aber ich spü­re ihn manch­mal noch.“
• „Ich kann nicht mehr in sein Zim­mer gehen. Da ist alles noch wie vor­her.“

Jugend­li­che im Alter von 15 bis 17 Jah­ren

Jugend­li­che im Alter von 15 bis 17 Jah­ren haben in der Regel ein erwach­se­nen­ähn­li­ches Ver­ständ­nis vom Tod – sowohl in Bezug auf bio­lo­gi­sche Fak­to­ren als auch mit Blick auf die emo­tio­na­le Dimen­si­on. Doch nur weil sie den Tod ver­ste­hen, heißt das nicht, dass sie ihn auch ver­ar­bei­ten kön­nen. In die­sem Alter beginnt oft erst die tie­fe­re, per­sön­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Sterb­lich­keit. The­men wie Sui­zid, Sinn des Lebens, Krank­heit, Schick­sal oder Ver­lust wer­den häu­fig zum ers­ten Mal bewusst und tief­grei­fend durch­dacht. Die Puber­tät hält vie­le Jugend­li­che jedoch davon ab, mit Erwach­se­nen dar­über zu spre­chen.

Die Ableh­nung von Gesprä­chen über den Tod bedeu­tet nicht zwin­gend, dass Jugend­li­che kein Bedürf­nis nach Aus­tausch haben. Oft ist sie viel­mehr Aus­druck von Über­for­de­rung oder Unsi­cher­heit dar­über, wie sie ihre Gefüh­le aus­drü­cken sol­len. Manch­mal for­dern Jugend­li­che Gesprä­che zu einem spä­te­ren Zeit­punkt aktiv ein – aber nur, wenn sie sich sicher und ver­stan­den füh­len.

In die­sem Alter sind alle vier Kom­po­nen­ten des Todes­kon­zepts – Non­funk­tio­na­li­tät, Irrever­si­bi­li­tät, Uni­ver­sa­li­tät und Kau­sa­li­tät – voll­stän­dig aus­ge­bil­det.

Tod kann exis­ten­zi­el­le Kri­sen aus­lö­sen

In Zei­ten sozia­ler Medi­en und der stän­di­gen Ver­füg­bar­keit von Nach­rich­ten sind Jugend­li­che häu­fig mit Dar­stel­lun­gen des Todes kon­fron­tiert, etwa durch Krie­ge, Amok­läu­fe oder Sui­zi­de in Fil­men und Seri­en. Das kann Ängs­te schü­ren oder auch zu einer gewis­sen Abstump­fung füh­ren.

Die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Tod kann exis­ten­zi­el­le Kri­sen aus­lö­sen, ins­be­son­de­re wenn der Ver­lust die eige­ne Lebens­welt stark betrifft – zum Bei­spiel beim Tod eines Eltern­teils oder einer engen Freun­din oder eines engen Freun­des. Jugend­li­che pen­deln in sol­chen Situa­tio­nen oft zwi­schen Abgren­zung („Ich bin cool, mir macht das nix!“) und Über­wäl­ti­gung („Ich kann an nichts ande­res mehr den­ken.“).

Der Stress, der bei Jugend­li­chen durch den Tod eines nahen Ange­hö­ri­gen ent­steht, kann sich auch in Todes­sehn­süch­ten oder in Fan­ta­sien über den eige­nen Tod äußern. Sol­che Gedan­ken ver­deut­li­chen, wie stark die Betrof­fe­nen den Schmerz emp­fin­den, kör­per­lich von der ver­stor­be­nen Per­son getrennt zu sein, und wie groß ihr Wunsch ist, wie­der mit ihr ver­eint zu sein (Ken­tor & Kaplow, 2020).

Auch Jugend­li­che in die­sem Alter zie­hen sich nach einem Todes­fall häu­fig zurück. Sie möch­ten oft weder mit Fami­li­en­mit­glie­dern noch mit Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­hel­fe­rin­nen und ‑hel­fern spre­chen, son­dern tau­schen sich lie­ber mit Gleich­alt­ri­gen aus.

Mög­li­che Fra­gen oder Aus­sa­gen von Jugend­li­chen nach einem Todes­fall sind:

• „Es macht ein­fach kei­nen Sinn. Wozu leben wir, wenn wir sowie­so ster­ben?“
• „Wie soll ich ohne sie wei­ter­ma­chen?“
• „Ich wünsch­te, ich wäre ein­fach mit­ge­stor­ben.“ (Ach­tung: Das kann ein Warn­si­gnal für sui­zi­da­le Gedan­ken sein!)
• „Ich glaub nicht an ein Leben nach dem Tod. Aber irgend­wie hof­fe ich, dass da was ist.“
• „Ich will nicht mehr auf den Fried­hof. Ich kann das nicht sehen.“
• „Ich hab Angst, dass ich selbst irgend­wann so lei­den muss.“

Sei­te 4/12

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