Kinder und Jugendliche machen nach einem Todesfall häufig einen vorübergehenden Entwicklungsrückschritt. Bei Kindern bis zu 9 Jahren kann es vorkommen, dass sie wieder einnässen, obwohl sie bereits trocken waren, am Daumen lutschen, Trennungsängste entwickeln, sich stark an Bezugspersonen klammern oder bereits erlernte Fähigkeiten verlieren. So kann zum Beispiel ihre Sprache wieder einfacher werden (Kaplow et al., 2012).
Dieser Entwicklungsrückschritt ist kein wirklicher Rückfall, sondern Ausdruck einer Überforderung. Das betreffende Kind fällt mit seiner Verhaltensweise unbewusst in frühere Entwicklungsphasen zurück – in eine Zeit, in der der oder die Verstorbene noch gelebt hat. Auf diese Weise versucht das Kind, die Verbindung zur verstorbenen Person aufrechtzuerhalten (Layne et al., 2017).
Auch bei Jugendlichen kann es zu einer Verlangsamung der Entwicklung kommen. Das zeigt sich darin, dass sie vermeiden, über altersgerechte Zukunftsperspektiven zu sprechen – zum Beispiel darüber, welche beruflichen oder familiären Ziele sie haben (Kaplow et al., 2012; Layne et al., 2017).
Sobald es dem Kind oder dem Jugendlichen gelungen ist, sich emotional wieder zu stabilisieren, verschwindet der Rückschritt in der Regel von selbst. Der Heranwachsende zeigt dann wieder seinem Alter entsprechende Verhaltensweisen.
Schwere der Trauer
Wie schwer ein Kind vom Tod eines Angehörigen betroffen ist, hängt – wie bei Erwachsenen – von mehreren Faktoren ab. Überraschenderweise reagieren Kinder und Jugendliche auf dieselben Faktoren zum Teil anders als Erwachsene.
Identisch ist die Tatsache, dass die Trauer umso schwerer wiegt, je stärker die emotionale Bindung zwischen dem Kind bzw. dem Jugendlichen und der verstorbenen Person war. Besonders der Tod eines Elternteils belastet Kinder und Jugendliche schwer.
Einen deutlichen Unterschied gibt es jedoch in der Frage, ob der Tod beispielsweise durch eine Erkrankung absehbar war oder ob er plötzlich eintrat. Erwachsene können mit einem absehbaren Tod meist besser umgehen als mit einem unerwarteten, während es sich bei Kindern häufig umgekehrt verhält (Kentor & Kaplow, 2020).
Ein absehbarer Tod belastet Kinder stärker als Erwachsene
Die Autorinnen und Autoren der Studie führen dies darauf zurück, dass Kinder bei vorhersehbaren Todesfällen häufiger Situationen ausgesetzt sind, die für sie potenziell traumatisch sind. So erleben sie belastende medizinische Eingriffe bei ihrem Angehörigen mit und müssen verarbeiten, dass sich dessen Gesundheitszustand über die Zeit hinweg kontinuierlich verschlechtert.
Da das kognitive Vermögen von Kindern noch nicht vollständig ausgereift ist, wirken diese Situationen auf sie anders als auf Erwachsene. Sie können die körperlichen Veränderungen und den fortschreitenden körperlichen Verfall der erkrankten Person oft noch nicht richtig einordnen. Handelt es sich bei dem kranken Menschen um eine zentrale Bezugsperson, entwickeln Kinder häufig Ängste, durch dessen Tod an Sicherheit und Geborgenheit zu verlieren.
Unklar ist die Studienlage hingegen bei der Frage, wie stark sich die Todesursache auf die Schwere der Trauer bei Kindern auswirkt. Einige Untersuchungen zeigen, dass Kinder nach einem Suizid oder Mord stärker belastet sind als Kinder, die einen Angehörigen durch eine natürliche Ursache wie einen Herzinfarkt verloren haben. Andere Studien weisen jedoch darauf hin, dass die Todesursache keinen signifikanten Einfluss auf die Schwere der Trauer hat (Alvis et al., 2022). Um in diesem Punkt eine belastbare Aussage treffen zu können, sind weitere Studien erforderlich.