Jugendliche können nach dem Tod eines Angehörigen Aussagen treffen, die Hinweise auf Suizidgedanken sein können – zum Beispiel „Am liebsten wäre ich mit ihm gestorben“ oder „Ich will bei ihm sein“. Diese Aussagen können Ausdruck einer intensiven Sehnsucht nach dem Verstorbenen sein, ohne dass der Jugendliche tatsächlich suizidale Absichten hat. Es kann aber auch sein, dass er ernsthaft mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen. Für Erwachsene gilt es in einem solchen Fall herauszufinden, was der Jugendliche mit seinen Aussagen zum Ausdruck bringen möchte.
Nicht bewährt hat es sich, wenn Erwachsene in eines der beiden Extreme verfallen. Das eine Extrem ist das Bagatellisieren („Das meint er / sie doch nicht so!“), das andere ist das Dramatisieren. Stattdessen kann ein sachlicher und offener Umgang die beste Hilfe für den Jugendlichen sein. Wichtig ist es, ruhig zu bleiben. Jugendliche brauchen in diesem Moment das Gefühl, dass ihnen jemand zuhört, ohne sie zu verurteilen. Ruhige, offene Nachfragen signalisieren dem Jugendlichen, dass es dem Erwachsenen wichtig ist, ihn zu verstehen und zu wissen, was er meint. Fragen können sein:
• „Wie meinst du das, wenn du sagst, du wärst am liebsten mit ihm gestorben?“
• „Wenn du sagst, du möchtest gerne bei ihm sein, bedeutet das, dass du dir selbst etwas antun möchtest?“
• „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dir das Leben zu nehmen oder dir selbst weh zu tun?“
Fragen erhöhen Suizidrisiko nicht
Viele Menschen schrecken vor solchen Fragen zurück – auch bei Erwachsenen. Sie befürchten, dass solche Fragen das Risiko eines Suizids erhöhen. Diese Angst ist unbegründet. Im Gegenteil: Solche Fragen reduzieren das Suizidrisiko, weil sie den betroffenen Menschen – in diesem Fall den Jugendlichen – die Möglichkeit geben, offen zu sprechen und gegebenenfalls gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die sie allein nicht gefunden hätten (Dazzi et al., 2014).
Wenn sich durch die Fragen herausstellt, dass der Jugendliche lediglich seine Sehnsucht nach dem Verstorbenen zum Ausdruck bringen wollte, können Fragen nach Gefühlen helfen, ihn emotional aufzufangen. Mögliche Fragen sind:
• „Es klingt, als wärst du gerade unglaublich traurig und fühlst dich allein. Wie geht es dir im Moment mit dieser Situation?“
• „Du wünschst dir sehr, dass er noch da wäre, hm? Was löst das in dir aus?“
• „Wie gehst du mit der Situation um? Was machst du, um damit halbwegs klarzukommen?“
Wichtig ist, dass Jugendliche in solchen Situationen eine langfristige Unterstützung benötigen. Dazu gehören verlässliche Bezugspersonen, die immer wieder Interesse zeigen, zuhören, ohne zu bewerten, und den Jugendlichen dabei unterstützen, mit der Situation umzugehen. In diesem Prozess kann auch eine Trauerbegleitung oder Psychotherapie hilfreich sein.
Im Akutfall sofort Hilfe hinzuziehen
Sollte sich herausstellen, dass konkrete Suizidgedanken oder ‑pläne bestehen, sollte sofort professionelle Hilfe hinzugezogen werden. Das können Beratungsstellen, Notdienste oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie sein. Eine Liste möglicher Ansprechpartner findet sich unter „Akthilfe im Notfall“. Dort sind bundesweit erreichbare Stellen aufgeführt. Zusätzlich gibt es häufig auch regionale Anlaufstellen, die in solchen Fällen geeignet sind.
Bei konkreten Suizidgedanken oder ‑äußerungen sollte Unterstützung zeitnah organisiert werden. Es ist in diesen Fällen nicht hilfreich, abzuwarten oder die Situation über Tage oder Wochen zu beobachten. Suizidgedanken können sich rasch verändern und zuspitzen. Frühzeitiges Handeln bedeutet nicht, zu überreagieren, sondern Verantwortung zu übernehmen. Je früher professionelle Hilfe eingebunden wird, desto größer ist die Chance, Jugendliche wirksam zu entlasten und zu schützen.
Das Thema Suizidalität wird an dieser Stelle nur kurz behandelt. Dazu gibt es deutlich mehr zu sagen, weshalb ein eigenes Kapitel dazu in Planung ist.
Wichtig:
Angehörige müssen den Umgang mit möglichen Suizidgedanken von Kindern und Jugendlichen nicht allein tragen. Wenn solche Aussagen auftauchen, ist es keine Überreaktion, frühzeitig professionelle Hilfe einzuschalten. Lieber einmal zu viel nachgefragt oder Hilfe geholt, als ein Risiko zu übersehen.